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Kennzeichen T - 18.06.2011

18.06.2011

Lochkarten für Lady Gaga

Und schon wieder platzt eine Hiobsbotschaft in unser informationsvermülltes Oberstübchen: Laut Weltrisikobericht von dieser Woche rangiert Deutschland auf Platz 150 der gefährdetsten Länder dieser Erde. Beängstigend, oder? Nur 23 Staaten weltweit haben ein geringeres Risiko einer Katastrophe. Höchste Eisenbahn also, die Atomkraftwerke abzuschalten. Acht Altmeiler haben sich grade verkrümmelt, aber was heißt das schon? Ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt der Deutsche.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Zehn von neun Bundesbürgern sind gemäß einer Umfrage von kommendem September der Meinung, sie verbibbern ihre Existenz in einem Ehec-verseuchten Föderalsomalia. Wenn die sich irgendwann einmal wieder sicher fühlen sollen, dann reicht es nicht, unsere Realität nur zur 24st-harmlosesten aller Wirklichkeiten zu machen. Dann muss auch die deutsche Unwirklichkeit gegen Unbill gedämmt werden.

 

Tsunamis am Müggelsee sind das eine; aber was uns im Zeitalter der Breitbandbespaßung mindestens ebenso bedroht, sind Kulturkatastrophen. Stichwort: Lady Gaga. Die große junge Dame des New Yorker Gender-Karnevals ist jüngst Opfer eines Hacker-Angriffs aus – die Dame ist immer für einen Schocker gut – aus Duisburg geworden. Ihr wurden Songs von der Festplatte geklaut, auf CD gebrannt und an Duisburger Nahverkehrskunden als Behinderungsnachweis verscheuert.  

 

Dafür stehen die Hacker jetzt vor Gericht. Und die Bundesregierung sichert die Realität außerhalb der Realität. Um der zunehmenden Hackergefahr Frau zu werden, hatte Angela Merkel zunächst vorgeschlagen, das gesamte Web in Deutschland abzuschalten. Internet-Ausstieg bis 2015. Das allerdings war mit dem Koalitionspartner nicht zu machen, da dann auch noch die verbliebenen virtuellen Liberalen verschwunden wären. Es soll ja in Facebooks FarmVille mittlerweile mehr FDP-Mitglieder geben als im Bundesgebiet.

 

Also musste Innenminister Friedrich ran. Der ausgewiesene Kenner des Hypertext-Protokolls hat soeben in der Weltnetzhauptstadt Bonn das so genannte Nationale Cyberabwehr-Zentrum eröffnet. Das heißt tatsächlich so. Schön, dass endlich auch Bundesbehörden nach Science-Fiction-Romanen benannt werden; Friedrich selber ist ja in der CSU, der Cyberschutz-Unterabteilung. Das Verteidigungsministerium, so hört man, soll alsbald Bundes-Death-Star heißen – und Thomas de Maiziere hat versprochen, sich schwarz zu bemanteln und bei jedem Auftritt hörbar zu atmen.

 

Im Cyberabwehr-Zentrum jedenfalls werden in Zukunft zehn Mitarbeiter die geschätzten 20 Millionen Computerviren im Auge behalten, jeder fokussiert auf seine ganz persönlichen beiden Milliönchen. Aber nicht nur diese leichte personelle Unterbesetzung wurde von der hämischen Presse bekrittelt, auch an der technischen Ausstattung gabs wieder mal zu mäkeln: Das Ding würde schon eröffnet, dabei sei noch nicht einmal gelöst, wie man die iPhone-Apps auf die Lochkarten lädt!

 

Ich dagegen stehe dem Ganzen vollends positiv gegenüber: Ich bin Künstler. Mein Lebensmotto wurde mir aufgezwungen: Live fast, die young. Das machen Sie mal, ohne Atomkraft, im 24st-sichertsten Land der Welt. Da ist es gut, eine Behörde zu haben, von der man weiß: Wenigstens den virtuellen Katastrophen werden keine Steine in den Weg gelegt.

 

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