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    Dienstag, 25. April 2017 | 04:38

    Kennzeichen T - 11.06.2011

    11.06.2011

    Letzte Rettung: Frostkompost

    Wer wars?, das ist die Frage dieser Tage. Ganz Deutschland starrt wie gebannt auf einen Whodunnit-Krimi. Endlich, kann ich nur sagen. Endlich ist Schluss mit den öden Lustthrillern der letzten Monate. Das war ja nicht mehr zu ertragen, der priapische Wetterschweizer und der IWF-Oberpimmel, immer im Wechsel, Strauss-Mann und Kachelkahn, bis einem ganz dürre im Süden wurde. Schluss! Jetzt hat Agatha Christie übernommen. Sein oder Darmkeim, das ist jetzt die Frage.

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Und wie bei jedem guten Miss-Marple-Streifen haben sich die Hauptverdächtigen bereits in einem Raum versammelt: Gurke, Sprosse und Tomate. Im Hintergrund setzt der Kopfsalat eine Unschuldsmiene auf, unter der Stehlampe schmollt die Erdbeere. Keiner hat ein Alibi, alle könnten es gewesen sein. Die ganze Familie Vegetable aus North-Lowersaxonyshire. Sogar Tante Radieschen kommt in Frage.

     

    Und wir wissen, wie es weitergeht: Wenn alle da sind, ergreift Miss Marple das Wort. Sie kommt gerade vom Hamburger Großmarkt und hat über jeden der degenerierten Sprösslinge ein paar düstere Schoten in der Tasche. Bei jedem ist was faul - und jedesmal denkt man: Hah, die wars! Die fiese Gurke, mit ihren undurchsichtigen Verbindungen nach Spanien und Magdeburg! Der Kopfsalat, der immer so ungewaschen daher kommt! Die Sprosse, die Sau, hat sich schon immer gewunden!

     

    So geht das geschlagene achteinhalb Minuten. Danach weiß der Zuschauer, was die Vegetables für eine verkommene Sippe sind – und schließlich, die Spannung ist kaum noch überschaubar, schließlich enthüllt die geriatrische Profilerin den Täter: Der Kohlrabi wars! Verzerrtes Gesicht, vereitelter Fluchtversuch, Verhaftung, Cembalomusik, Heute-Journal.

     

    Es könnte so einfach sein. Aber wir haben staatliche Ermittler. Und was von denen zu halten ist, das steht ebenfalls in jedem Krimiklassiker: Ob Miss Marple, Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Philipp Marlowe – die Staatsmacht wird ausnahmslos von halbdebilen Inspektorenclowns vertreten, die hie und da für milde Lacher sorgen. Man ist schon froh, wenn sie die Ermittlung des Täters nicht behindern.

     

    Und bei uns wurde alles aufgefahren, was eine Aufklärung nur irgendwie unmöglich machen kann. Allein im Chaos der Landesbehörden lässt sich als Mördergrünzeug ganz vorzüglich vegetieren. Selbst wenn im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium eine Ehec-Gurke dünndarmschwenkend über den Korridor spazierte und dazu Lieder auf den Flotten Otto intonierte, der Hausmeister müsste erstmal einen Sachbearbeiter kontaktieren, der seinen Vorgesetzten, der den Minister, und der wüsste dann nicht, ob randalierende Rohkost Bundes- oder Ländersache ist.

     

    Sogar das Bundesgesundheitsministerium mischt ja mit. Mit dem neuen Herrn Bahr. Das ist nicht umsonst die Einheit für steigenden Druck. Was man so hört, herrschen in seiner Behörde mittlerweile etliche Bar. Und keiner weiß, was der andere tut.

     

    Also bibbern wir weiter. Wer weiß, wo das nächste Mal ein Vegetable zuschlägt? Sogar in Sachsen-Anhalt gabs ja schon Opfer; eine Region, die sich fast ausschließlich von Würzfleisch ernährt. Wenn es überhaupt noch eine Rettung gibt, dann nur die Tiefkühlpizza. Ich bin Kabarettist, ich weiß aus Berufserfahrung, man kann sich jahrelang von Frostkompost ernähren. Es erwischt uns dann halt wegen des Übergewichts.

     

    Mit Miss Marple als Gemüsejägerin wäre die Sache längst gegessen. Zwei, drei hüftlahme Anschleichereien, ein mitgehörtes Gespräch im Gewächshaus, n bisschen mit Mr Stringer in der Biogülle geplanscht - und, bums, könnten wir uns wieder dem Atomausstieg widmen. Tja, jetzt rächt sich, wie wir jahrelang mit unseren Rentnern umgegangen sind. Wenn in diesen Tagen nur ein paar Mittsiebzigerinnen mit Hütchen auf der Steckfrisur dem Robert-Koch-Institut zur Hand gingen, der Fall wäre längst durch. Aber so – haben wir weiterhin Durchfall. 

     

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