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Kennzeichen T - 15.05.2011

15.05.2011

Rösler, Rostock, Räucherstäbchen

Man hat es nicht leicht dieser Tage, als Satiriker. Man möchte sich über relevante Dinge lustig machen, über Lena und Europa und Feta und seinen Preis in Drachmen, aber immer, immer kommt die FDP dazwischen. Ich persönlich bin ja gegen Leichenschänderei; aber die Presse, aus der ich abschreibe, hat sich nun mal entschieden, die liberale Mumie solang in die Schlagzeilen zu zerren, bis sie von alleine wieder kommt. Als Untote.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Einen Versuch ists wert. Vampire sind derzeit mindestens so populär wie Doktoraberkennungen. Die Eckzahn-Schmonzetten von Stephenie Meyer erreichen Verkaufszahlen, dass man sich fragt, was Deutschlehrer in den letzten 30 Jahren vormittags getrieben haben. Bis(s) zum Morgengrauen, Bis(s) zur Mittagsstunde, Bis(s) zum Abendrot, so die Titel der Erbauungsbände. Das zweite »s« jeweils in Klammern. Nein, man hats wirklich nicht leicht dieser Tage, als Satiriker. Jetzt werden einem auch noch die schlechten Wortspiele von einer Keuschheit predigenden Mormonenklemme weggeschnappt!

 

Aber verschmockter Titel, altbackener Inhalt – da sind wir wieder bei der FDP. Dort heißt es jetzt: Bis(s) zum Parteitag. Bei Philipp Rösler ist es eher ein Bisschen. Der Mann leidet unter chronischer Dentalverkümmerung. Die einen nennen es Beißhemmung, die anderen sympathisch. Wieder andere sagen, der Mann ist Arzt, der soll nicht Zähne zeigen, der soll heilen. Schön und richtig, nur: Was nützt es, wenn das Fachgebiet das Falsche ist? Gehen Sie mal mit einer Phimose zum Augenarzt. Der kann Ihnen höchstens was verschreiben, dass Sie das Ganze nicht so eng sehen. Philipp Rösler hat promoviert, sein Doktortitel ist auch noch gar nicht aberkannt; aber die Dissertation behandelte ein Thema aus der Kardiologie - und jetzt soll er die Partei der Herzlosen heilen. Man kann ihm nur Glück wünschen.

 

Die neue Parole jedenfalls hat er schon ausgegeben: »mitfühlender Liberalismus«. Da ist die Empathie des Restbuddhismus drin, den sich Rösler aus Vietnam gerettet hat. Das klingt nach Sitzkreis und ganz viel »Du« am Satzende: »Ich gönn’ Dir Deine spätrömische Dekadenz, Du!« Ja, neuerdings weht ein Patschuli-Lüftchen durchs Thomas-Dehler-Haus. Die al-Guido ist enthauptet. Westerwelle war ja der bin-Laden des deutschen Marktradikalismus. Wenn Sie sich nicht mehr an ihn erinnern, die Bekenner-Videos sind alle noch auf YouTube: »Hier – steht – die – Freiheitsstatue – dieser – Republik!« Wie sich das wohl künftig anhören wird? Ich bin sehr gespannt auf Röslers Rede in Rostock: »Schwestern und Brüderle - hier knospt die Lotusblüte dieser Solidargemeinschaft!«

 

Innerhalb der Partei haben sie ja schon angefangen. Allenthalben Mitgefühl, sogar mit Birgit Homburger. Ihr den Fraktionsvorsitz wegnehmen, das war nur ok, weils für sie ok war. Und ok wars für sie, weil sie Stellvertreterin von Rösler wird. Ihr wurde von der Fraktion reiner Wein eingeschenkt, dann reiner Tisch gemacht, jetzt haben sie Rainer Brüderle. Der Mann ist unglaublich. So viele Wiedergeburten, wie der schon hinter sich hat - das ist Röslers Lama. Der ozeangleiche Lehrer. Er wird Fraktionsvorsitzender und sein Schützling Wirtschaftsminister. Daniel Bahr, bislang Staatsekretär, übernimmt das Gesundheitsministerium von Rösler, und Christian Lindner das Amt des Generalsekretärs von Christian Lindner. So dreht sich das Karussell der Reinkarnationen. Bis zum Nirvana.

 

Oder Bis(s) zur Bundestagswahl, würde Stephenie Meyer sagen. Man kann sich halt nicht entscheiden: Die neue FDP – Wiedergeborene oder Wiedergänger? Also Bettelmönche oder Zombies? Die Wahrheit wird wie immer in der Mitte liegen.


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