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    Mittwoch, 26. April 2017 | 13:42

    Kennzeichen T - 26.02.2011

    26.02.2011

    Dann doch lieber einen feschen Landvogt!

    Gottseidank! Der Kelch ist an uns vorüber gegangen. Nach dem Sturz der tunesischen und der ägyptischen Herrscherfamilien jetzt noch ein weiteres Machtvakuum auf einem Territorium mit verfeindeten Stämmen und religiösen Fundamentalisten – Bayern hätte Guttenbergs Rückzug nicht verkraftet!

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Aber der Baron erweist sich als fränkischer Gaddafi. Bevor ich hier in justiziable Vergleiche schlittere: Ich möchte den blaublütigen Kopisten auf keinen Fall in die Nähe eines Gewaltherrschers rücken. Nein, es geht mir nur um Gaddafi als Witzfigur, die sich in Fantasieuniformen fotografieren lässt. Da ist doch eine gewisse Affinität zu unserem Verteidigungsminister … - ich will das jetzt nicht weiter ausführen, jedenfalls sind beide noch da, obwohl sie längst weg sein müssten.

     

    Und das hat einen Grund: Personalmangel. Revolutionsführer-Stellen lassen sich nicht so ohne weiteres neu besetzen; es scheitert schon an der Frage: Wo inseriert man die? Und einen Guttenberg kriegt man heute sowieso nirgends mehr. Der Freiherr darf gar nicht zurücktreten – er trägt die Zukunft von CSU, Bundesregierung und Aristokratie zusammen auf seinen Schultern. Wenn er ginge, wen bitte hätten diese drei Säulen unserer demokratischen Grundordnung noch? Markus Söder, Dirk Niebel und Ernst August von Hannover. Dann doch lieber einen feschen Landvogt! Dass er sein Altpapier nicht in den Container geschmissen hat, sondern in den Briefkasten der Uni Bayreuth – ja, mein Gott! Immerhin hat er zur Erlangung der Doktorwürde überhaupt eine Arbeit abgegeben; für einen CSUler in Bayern ist das nicht selbstverständlich.

     

    Und die Bundeswehr braucht einen wie Guttenberg ganz dringend. Einen Freiwilligen. Die Wehrpflicht ist passé; von nun an geht auch in Deutschland nur noch zur Armee, wer anderswo nichts findet. In den USA sind das die Schwarzen und die Dummen; bei uns werden es die Ostdeutschen und die Adeligen sein, für die es an der Uni nicht gereicht hat.

     

    Trotzdem werden Zehntausende von Freiwilligen fehlen. Personelle Engpässe allenthalben. Die nicht mehr Wehrpflichtigen wiederum werden sofort an die Universitäten drängen, sodass durch den Ansturm kein Dozent mehr die Zeit haben wird, Abschlussarbeiten so sorgfältig zu betreuen, wie das noch zu Guttenbergs Studienzeiten möglich war. Die Wirtschaft klagt seit Jahren über Fachkräfte-Mangel. Ägypten muss alte Mubarak-Schergen noch mal ran lassen, weil kaum einer von den Demonstranten weiß, wie man Sozialpolitik macht oder einen Westerwelle begrüßt. Nicht viel anders ist es bei der CDU. Sie hat fast die gesamte Führungsriege verloren und muss bei der Besetzung von Ministerien auf uralte Veteranen und blutjunge Rekrutinnen ausweichen – Schäuble und Kristina Schröder, das hat schon was von Volkssturm! Die SPD, so ist zu lesen, wurde in Hamburg von der absoluten Mehrheit überrascht – und rätselt nun ebenfalls, wie sie all die schönen Stellen besetzen soll, die ihr zugefallen sind. Sie hätte für jedes ihrer Mitglieder eine, aber man kann doch die Genossen jetzt nicht einfach aus den Pflegeheimen zerren. Und wenn wir schon bei der Geriatrie sind: Auch Berlusconi sucht dringend eine Nachfolgerin, nachdem ihm der vier Jahre ältere Richard Lugner die Betreuerin abgeworben hat.

     

    Was also tun, gegen den Personalschwund? Früher haben wir Türken ins Land geholt, die den Dreck für uns weggeschafft haben. Das war einmal. Istanbul ist heute die coolste Stadt der Welt; wir können froh sein, wenn wir dort Straßen kehren dürfen. Nein, die Lösung heißt natürlich: Leiharbeit. Da mögen die Gewerkschaften Aktionstage veranstalten, soviel sie wollen – der Leiharbeiter ist der Gastarbeiter der Zukunft. Die Bundeswehr, die Unis, die Wirtschaft, die Ägypter, CDU, SPD, Silvio und Mörtel könnten sich billiger denn je versorgen. Und der Verliehene hätte die Abwechslung: Einmal Afghanistan, dann Hamburger Bürgerschaft, dann auch mal die Pritsche des italienischen Ministerpapagallos. Dazu immer die Chance, übernommen zu werden. Doch auch in diesem Bereich, wie könnte es anders sein, ist Freiherr zu Guttenberg schon wieder Vorreiter. Er hat schließlich selber eine Leiharbeit abgegeben. 

     

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