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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 21:05

    Kennzeichen T - 01.01.2011

    01.01.2011

    Wohin geht es mit der Satire?

    Was den Jahreswechsel immer so unerquicklich macht, ist die Vernachlässigung der Gegenwart. Silvester sollte eigentlich ein Fest des absoluten Hier und Jetzt sein, mit all jenen süßen Maßnahmen, die einem den Weg in das Anderswo und Morgen für ein paar Stunden verlässlich verrammeln. Aber weit gefehlt. Alles, was jährlich dabei rumkommt, sind schnöde Nostalgiepusseligkeiten mit Thomas Gottschalk und, abgeschmackter noch, nölige Zukunftsmusik mit einem selbst. Rückblicke und Vorsätze statt Rudelbums und Vollrausch.

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Es ist nicht meine Aufgabe, diese schlechte Angewohnheit zu durchbrechen. Rudelrausch und Vollbums soll jenen überlassen bleiben, die das Rundfunkgesetz damit beauftragt hat. Ich dagegen muss zum Jahresende genauso über die Zukunft nachdenken wie alle anderen, und zwar, wie der Deutsche das gerne macht, mithilfe der Vergangenheit.

     

    In meinem Fall heißt die Zukunft Satire. Ich habe, wie die meisten Satiriker, nichts Respektables gelernt, und kann froh sein, dass mich TITEL trotz eines abgeschlossenen Germanistik-Studiums beschäftigt. Die Frage ist: Wie lange noch?

     

    Der Satire kommt ja alles abhanden. Als erstes natürlich das Geld. Vorbei die Zeiten, da Männer wie Wolfgang Neuss in märchenhaftem Reichtum lebten. Ja, auch wir sind vom Lohndumping betroffen. Von Rumänien bis Neuseeland wird die Welt überschwemmt mit billigem Humor. Im Internet tummeln sich bereits mehr Komiker als es weltweit Witze gibt. In Armutsquartieren wie Köln-Deutz werden unter unvorstellbaren Bedingungen Pointen zusammengekloppt. Viele der Witzemacher sind minderjährig oder Chinesen. Ein großes deutsches Nachrichtenmagazin hält ein Interview mit einer neunjährigen Pointenschreiberin aus Sezuan unter Verschluss, die erzählt, sie würde viel lieber wieder T-Shirts nähen.

     

    Die Folge ist ein unglaublicher Marktverfall. Je billiger der Humor, desto tiefer der Preis. Privatsender bringen es sogar auf Gratisangebote. Selbst Angela Merkels wöchentliche Videobotschaft gibt’s kostenlos.

     

    Aber auch wenn man es schafft, sich als Satiriker mit Qualitätswitzen über Wasser zu halten – neben dem Geld gehen einem auch die Themen aus. Sie alle kennen Schillers Definition: »In der Satire wird die Wirklichkeit, als Mangel, dem Ideal, als der höchsten Realität, gegenübergestellt.« Und wir haben zwar noch eine Wirklichkeit als Mangel – den jetzigen Außenminister, zum Beispiel. Aber uns kommt das Ideal abhanden, dem wir es gegenüber stellen können. Mit was wollen Sie Guido Westerwelle vergleichen? Der Mann ist eine so genannte absolute Pointe. Der wird nicht erst dadurch lustig, dass man ihn neben einen idealen Außenamtschef stellt: Genscher - neben Westerwelle?! Das ist wie ein alter Leuchtturm neben einer Blähung, einfach nicht lustig.

     

    Blähungen an sich sind lustig. Aber dafür brauchts keinen Satiriker. Und es gibt immer mehr Blähungen: Berlusconi, Sarkozy, Brüderle, die neuen Hartz-IV-Sätze, die Fußball-WM in Katar – alles absolute Pointen.

     

    Abgesehen davon ist die Spaßgesellschaft seit fast 10 Jahren vorbei. Man weiß nicht genau, wann es passiert ist: War es 09/11 – oder die Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber? Jedenfalls: Die Ironie von früher ist passé. 1998 trat Guildo Horn noch beim Eurovision Song Contest auf: »Guildo hat euch lieb.« Damit hätte er heute eine Missbrauchsklage am Hals. Ich selber hab’ 1999 eine Nummer über den ersten Bundeskanzler der Grünen geschrieben. Inzwischen weiß ich, dass man damit keine Scherze macht.

     

    Wohin also geht es mit der Satire? Eine Gattung, für die kein Geld mehr da ist, die keine Themen mehr findet, in einer Gesellschaft, die keinen Spaß versteht und sich langsam von ihr verabschiedet – das bedeutet für mich letztlich: Ich muss mir keine Sorgen machen. Denn der Satire geht’s genauso wie der Politik. Und die wird’s schließlich auch immer geben.  


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