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    Samstag, 19. August 2017 | 07:26

    Kennzeichen T - 22.12.2010

    22.12.2010

    Es ist fünf vor zwölf, meine Damen und Herren!

    Zum Jahresanfang hat die Unesco eine neue Liste der bedrohten Arten herausgegeben, und das Ergebnis sollte uns alle alarmieren. Unter den Top Ten rangiert zum ersten Mal: die Politik.

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    In einigen europäischen Ländern ist sie bereits ausgestorben - in Italien etwa, wo sie traditionell gefährdet war, ist Politik seit Mitte der 90er Jahre in keinem Landesteil mehr beobachtet worden; in Irland hat eine Bankenplage ihren natürlichen Lebensraum zerstört, die Niederlande vermelden nur noch erfolglose Auswilderungsversuche; Belgien hat die Bemühungen um eine Nachzucht ganz eingestellt.

     

    Uns Deutsche hat es bislang vergleichsweise glimpflich getroffen. Zumindest unsere kommunalen Biotope - die Gemeinderäte, die Biertische, die Saunabars - verzeichnen immer noch regelmäßige Sichtungen von Politik. Die Landesebene dagegen schwächelt schon eher. Hier ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Grund dafür ist die starke Zunahme der natürlichen Feinde, des so genannten mündigen Bürgers, Homo apoliticus, und seines possierlichen Verwandten, des Wutbürgers, Homo apoliticus stuttgartiensis. Die Landespolitik ist bereits soweit dezimiert, dass letztes Jahr erste Schmarotzerorganismen ebenfalls dran glauben mussten: Koch, Rüttgers, von Beust und Oettinger; so heißen die Arten, von denen sich die parlamentarische Zoologie ein für allemal verabschieden musste - was insofern noch zu verschmerzen ist, als sie, außer von ein paar weltfernen Experten, von niemandem vermisst werden.

     

    Äußerst bedenklich sind Zustände im Bund. Die wenigen Reste der Politikbestände, die es da noch gab, sind vor etwa eineinhalb Jahren in eine komplette Lähmung verfallen. Zuerst haben sich die Blätter schwarz-gelb verfärbt - von BILD bis SPIEGEL hatten alle plötzlich das gleiche pathologische Erscheinungsbild -, dann hat Angela Merkel mit Westerwelle einen artfremden Organismus eingeschleppt, der die entsprechenden Erreger mitgebracht hat - Guidokokken -,  seitdem ist Stille in der Population.

     

    Wenn überhaupt noch etwas zu retten, dann müssen wir jetzt handeln. Die Frage ist: wie? Nun, wenn das ökologische Gleichgewicht gestört ist, sollte man als erstes die Unwucht beseitigen. In einem wildverbissenen Wald würde man den Jäger holen. Aber wir können ja den Westerwelle nicht einfach über den Haufen schießen. Man wüsste bei dem ja auch gar nicht: Täubchen oder Platzhirsch? - also Schrot oder Kugel?

     

    Nein, wir sind eine Zivilgesellschaft, und brauchen selbstverständlich eine entbarbarisierte Variante des Einschreitens – auch wenn sie zugegebenermaßen viel weniger Spaß macht. Und da gibt es seit Jahren eine Form der Intervention, die sich bei der Lösung brennender Probleme immer wieder bewährt hat. Sie denken jetzt wahrscheinlich an einen Gipfel: Integration, Klima, EU, Finanzen, Bildung, Steuern, Gesundheit, G8 – jedes Thema hat inzwischen seinen eigenen Gipfel. Wir haben uns in den letzten Jahren mit diskursiven Alpen umstellt. Was ich dagegen meine, ist weitaus effektiver: das Gedenkjahr.

     

    Wir brauchen ein Jahr der Politik, um uns daran zu erinnern, dass es ein Leben nach Berlusconi und Westerwelle gibt. Wir haben 2011 bereits das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit. Ja, die EU hat mittlerweile ihre eigene Zeitrechnung, so eine Art Chinesischen Kalender des Gutmenschentums: Die Chinesen haben das Jahr des Hasen, wir das Jahr der Freiwilligen. Das kommt Ihnen im Moment vielleicht noch unwichtig vor, aber im vereinten Europa wird das amtlich. So werden Sie in Zukunft Lebensläufe schreiben: „Karl Mustermann. Geboren im Jahr der Windenergie. Abitur im Alzheimer-Jahr. Heirat am Tag des Alpenveilchens.“ Und wie tröstlich wäre es, wenn jemand anno 2011 schreiben könnte: Bandscheibenvorfall im Jahr der Politik. Damit ein neues Bewusstsein entsteht – Politik ist existentiell, und wenn auch nur in Verbindung mit dem eigenen Kreuz.

     

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