• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 15:24

    Kennzeichen T - 06.11.2010

    06.11.2010

    Die Leerstelle als Programm

    Es gibt einen neuen Trend in der deutschen Politik: Erfolg durch Abwesenheit. Gewählt werden neuerdings die, die voraussichtlich nicht da sein werden. Vorreiterin war Angela Merkel. Sie erinnern sich: Die ersten zwei Jahre als Bundeskanzlerin, da war sie ja grade mal zur Neujahrsansprache in Deutschland. Die ist was durch die Welt gejettet, ich hab’ immer drauf gewartet, dass sie irgendwann aus dem Airbus steigt und den Boden küsst. Und die Leute hatten damals schon Verständnis – Reisefreiheit, ne, das hat die sich immer gewünscht …

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Aber sie hat  nicht nur New York gesehen, dahinter steckt auch ein Erfolgsrezept. Jemand der nicht da ist, der geht dem Wähler auch nicht auf den Sack. Beispiel FDP: Die Liberalen stehen mittlerweile vor der Fünf-Prozent-Hürde wie vor dem Mount Everest. Und im Basislager lässt Brüderle die Flasche rumgehen, weils mit dem Aufstieg sowieso nichts mehr wird. Und warum? Weil sie permanent präsent sind. Westerwelle, Brüderle, Dirk Niebel. Vor eineinhalb Jahren hat man die vielleicht ein-, zweimal die Woche im Fernsehen gesehen. So wie die Lottozahlen. Das ging. Da konnte man bei denen auch sein Kreuz machen. Jetzt braucht man nur die Fernbedienung schräg anzuschauen, schon perforiert einem Brüllguido das Trommelfell: Spätrömische Dekadenz!, Leistung muss sich lohnen!, hier steht die Freiheitsstatue dieser Republik! - das kann sich doch auf Dauer keiner anhören. Politik kommt im Leben des Deutschen höchstens noch atmosphärisch vor. Das ist wie das Klima – beschissen, aber es geht auch nicht ohne. So eine permanente Westerwelle ist da nicht vorgesehen. Man holt sich ja auch nicht Metallica als Luftbefeuchter in die Wohnung.

     

    Nein, was zählt, ist Abwesenheit. Die Leerstelle als Programm. Und damit bin ich bei Norbert Röttgen. Er soll am Wochenende neuer Landesvorsitzender der CDU in Nordrhein-Westfalen werden. Entschieden haben das nicht die christdemokratischen Parteisoldaten, sondern die Basis. D.h. die Leute, die nach Sieben tatsächlich vor dem Fernseher sitzen - und nicht den Abend mit irgendwelchen Lobbyisten in unterbeleuchteten Lokalitäten mit Damenunterhaltung verdaddeln. Diese Basis hat sich Röttgen angekuckt und gesehen: Der ist die ganze Arbeitswoche in Berlin, der hat einen Full-Time-Job, bei dem er 30 Stunden die Woche mit der Annahme von Werbe-Kulis der Stromindustrie beschäftigt ist, und wenn er wirklich mal was tun möchte, wird’s von Mama Merkel kassiert - den wählen wir! Der geht uns nicht auf den Zeiger! Damit Röttgen nach NRW fährt, müsste man den Reaktor in Hamm-Uentrop noch mal hochfahren – da sagt er dann vielleicht: Kernschmelze, das ist was anderes. Da kann ich einen Termin einschieben.

     

    Man könnte neidisch werden, auf so einen Landesvorsitzenden! Vor allem natürlich in der CSU. Bei denen sehnt sich die Basis ja auch nach einem Bundesminister als Chef, für den Bayern irgendwo auf der südlichen Halbkugel liegt. Karl Theodor von und zu, das wäre ein Vorsitzender! Der Mann ist nicht nur permanent weg und hat einen Vollzeit-Job, bei dem man auch mal im Hubschrauber über Afghanistan fliegt – also, da ist auch ein finales Verstummen immer drin; nein, Guttenberg ist auch noch Franke. Um Ihnen das als unbedarfte NRWler anschaulich zu machen: Ein Franke ist von einem Bayern soweit entfernt wie ein Kölner von einer neuen U-Bahn-Linie. Und selbst das ist noch nicht alles: Guttenberg hat Manieren, weiß, wie man sich elegant kleidet, und verfügt über ein gewisses rhetorisches Talent – also, er hat mit der CSU rein gar nichts mehr zu tun. Und grade deswegen gilt er als Erlöser.

     

    Die CSU von Seehofer kann sich nämlich selber nicht mehr leiden. Genauso wie die CDU von Rüttgers. Und als nächstes sind die Schwaben dran. In Stuttgart setzt der CDU-Vorsitzende schon Wasserwerfer gegen die eigene Basis ein. Und dort sind nächstes Jahr Landtagswahlen. Ich bin gespannt, wen die schwäbische CDU als Kandidaten aufstellt. Jemand, der das Gegenteil von Baden-Württemberg ist – also urban, immer in Berlin, arm und irgendwie schmutzig. Eigentlich ist es schon klar: „Klaus Wowereit, unser neuer Minischterpräsident. Er kann gar nix. Außer Hochdeutsch.“


    Flattr this

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Gesetzesverrat

    Wenn man, mit stetig wachsendem Staunen, Kopfschütteln & Empörung verfolgt hat, was nach der Selbstanzeige der rechtsradikalen Mördergruppe (NSU) an Versäumnissen, ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Helden fürs Geld

    THOR KUNKEL rät im Endlos-Fall Wulff zu einer Rosskur und erklärt, warum ein Stöpselgroschen den Pluralis Majestatis ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter