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Kennzeichen T - 01.10.2010

02.10.2010

60 Liter mehr Hartz IV!

Die Hartz-IV-Regelsätze sind auf Leber und Nieren geprüft worden - Ergebnis: Kinder von Hartz-IV-Empfängern bekommen jetzt statt Geld Gutscheine. Begründung: Von Geld würden ihre Eltern nur Schnaps kaufen. Alle Hartz-IV-Empfänger sind ja Alkoholiker.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Wo Leute nur rumsitzen und über den Staat schwadronieren, der sie bezahlt, da wird gesoffen - das weiß man im deutschen Bundestag. Mit der Neuregelung hat Angela Merkel jetzt natürlich die Sozialverbände am Hals, die Gewerkschaften, die SPD, die Linke - und vor allem die Spirituosen-Hersteller. Die Firma Berentzen, zum Beispiel, war eben erst aus der Absatzschwäche raus, 2009 zum ersten Mal wieder Jahresüberschuss. Oder Chantré - 20% Minus in der Krise, Mariacron - 20% Minus, Nordhäuser Doppelkorn - 3% Minus; aber alle grade dabei, sich zu stabilisieren. Und jetzt würgt die protestantische Trockenblume mit dieser Gutschein-Aktion die Konjunktur ab! Wer soll den Aufschwung denn herbeisaufen? Rainer Brüderle kann das nicht alleine stemmen.

 

Fünf Euro sollen Hartz-IV-Empfänger monatlich mehr kriegen. Fünf Euro! Ich habs ausgerechnet: Selbst wenn die sich das Billigste reinschütten, was sie kriegen können, sind das grade mal 0,04 Promille mehr am Tag. Dafür sind sie nach einem Vierteljahr blind.  

 

Und von der Sehschwäche abgesehen, bei 0,04 Promille sagt doch jeder Hartz-IV-ler: Ich bin doch nicht blöd! Für 0,04 Promille muss ich doch nicht aufstehen - und die Alte zum Supermarkt schicken! Nein, man muss den Leuten auch einen Anreiz geben, was zu verändern. Von wegen Gutscheine. Erhöhung um 700 Euro. Das sind sechzig Flaschen ordentlicher Stoff. So schnell wären die Kosten für Langzeitarbeitslosigkeit noch nie gesunken. Ein Antrag auf Grundsicherungsleistung für erwerbsfähige Hilfebedürftige nach § 20 SGB II - das versuch mal nach zwei Litern Bommerlunder! Das Formular kannst du nach Venedig schicken, für den deutschen Pavillon bei der Biennale.

 

Aber was macht die Bundesregierung? Klientelpolitik. Die besser gestellten Trinker werden wieder begünstigt. Wenn Hartz-IV-ler weniger Schnaps kaufen, gehen die Preise runter. Dann lohnt es sich für den Mittelständler, sich auch mal unter Woche so zuzulöten, dass er nicht mehr nachhause kommt. Hotels sind ja auch billiger.

 

Die Idee mit den Gutscheinen kommt von Ursula von der Leyen. Von wem auch sonst. Die Frau ist siebenfache Mutter; die weiß genau, wie das mit Gutscheinen läuft. Wenn Muttertag ist, und eins von ihren Blagen hats mal wieder vergessen, schreibt es auch einen Gutschein: „Eine Woche Geschirr abspülen.“ Mama Ursel freut sich - und den Abwasch macht die Haushälterin. Geburtstag, Weihnachten, Hochzeitstag, ich weiß nicht, wie viele Gutscheine ich in meinem Leben ausgegeben habe. Da ist eine richtige Gutschein-Blase entstanden. Wenn die alle irgendwann eingelöst werden, kann ich Insolvenz anmelden.   

 

Werden sie aber nicht. Und genau darauf baut die Bundesregierung. Mit den Gutscheinen sollen Kinder in Sportvereine eintreten können. Damit sie auch teilhaben können, an Vereinsfußball. Oder Hockey. Oder Badminton. Und es soll so gelöst werden, dass die anderen Kinder das mit den Gutscheinen gar nicht mitkriegen. Damit der kleine Kevin nicht diskriminiert wird. Gut, er spielt barfuß. Und ohne Schläger. Sogar in Musikschulen sollen Hartz-IV-Kinder in Zukunft gehen, mit den Gutscheinen. Sie müssen halt singen. Instrumente - naja. Vielleicht kriegen sie ja eine Flöte geschenkt. Mit dem Selberbauen wird’s jetzt auch schwierig. Papa hat ja nicht mal mehr leere Flaschen.

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