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Kennzeichen T - 18.09.2010

18.09.2010

"Rechts von mir - die Mauer!"

Wenn der Herbst kommt, und mit ihm dieses Gefühl, das Sie wahrscheinlich alle kennen, dieses tiefe Bewusstsein: „Ich bin nur eine gehbehinderte Fruchtfliege auf dem Apfel der Erkenntnis!“, dann greife ich gerne zu so genannten Intelligenzblättern. Wenn ich Artikel von Leuten lese, die sich als Apfel fühlen, geht es mir gleich viel besser.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Und in diesen Intelligenzblättern stand dieser Tage zu lesen, es gäbe ein Integrationsproblem in Deutschland. Man wisse einfach nicht mehr, wohin mit den Konservativen im Land. Nach dem Krieg waren sie uns gut genug. Globke, Kiesinger, Filbinger - Menschen, ohne die es in Deutschland keine Kontinuität gegeben hätte. Aber jetzt brauchen wir sie nicht mehr. Jetzt sind sie heimatlos, die Konservativen, sind also sozusagen Roma der Gesinnung - auch wenn es schwer fällt, sich Erika Steinbach als diskriminierte Gypsy-Gitarristin vorzustellen.

 

Sie stehe immer mehr allein, hat Erika Steinbach gesagt, und damit hat sie natürlich Recht. Die Frau ist eine Parallelgesellschaft. Sie ist nach dem polnischen Angriff auf Deutschland hierher gekommen, und hat sich bis heute nicht assimiliert.

 

Aber immer mehr Konservative wollen sich nicht anpassen. Sie fliehen aus den Parlamenten, Merz, Koch, Oettinger. Waren Sie schon mal bei einem Vortrag von Friedrich Merz? Da fühlen Sie sich wie ein Fremder im eigenen Land. Sozialstaat, Solidargemeinschaft, gleiche Bildungschancen - was uns Deutschen heilig ist, wird dort mit Füßen getreten. Woher dieser Hass?

 

Viele Konservative leben seit Jahrzehnten hier, zahlen ganz normal ihre Steuern, haben sogar leidlich Deutsch gelernt. Ich hatte selber mal zwei Konservative in der Nachbarschaft. Ein Pärchen - heterosexuell, aber das macht ja nichts, jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden. Das waren ganz anständige Menschen. Ruhig, unauffällig, sogar das Händeschütteln haben sie sich irgendwann abgewöhnt. Klar, mit der Sauberkeit, da gabs manchmal Probleme; der ein oder andere weniger tolerante Mitbewohner fand das ziemlich widerlich, dass sie jeden Samstag das Treppenhaus geputzt haben. Wir haben bei der Hausordnung eigentlich einen Sechsmonats-Rhythmus. Aber ansonsten? Also, wenn sie nicht dauernd nach Deodorant gerochen hätten, man hätte sie gar nicht als Konservative erkannt.

 

Trotzdem: Die sind weggezogen. Weil es in dieser Gesellschaft keinen Platz mehr für sie gibt. Jetzt sind sie in Florida. Sie haben mir kürzlich erst geschrieben, sie hätten sich dort wunderbar integriert. Die Amerikaner haben eben auch Institutionen, die sich um die Integration Konservativer kümmern. Die Tea-Party-Bewegung. Die sei sofort auf sie zugegangen, als sie in Florida ankamen. Für Neuankömmlinge gabs Steaks vom Koranfeuer. Ganz anders als bei uns.

 

Wir haben nur die CDU. Konservativismus kommt ja bekanntlich von Konservierung. Und die CDU ist mittlerweile eine Partei ohne Konservierungsstoffe. D.h. sie ist bekömmlicher, aber schimmelt auch schneller. Mit einem Roland Koch würde sich so ein Schimmelpilz niemals anlegen. Weil er wüsste, er zieht den Kürzeren. Aber ein Norbert Röttgen? Kaum ist ein Viertel der Legislaturperiode vorbei, schon ist der verdorben. Da nützt es auch nichts mehr, wenn Angela Merkel ihn kalt stellt.

 

Aber so kanns nicht weitergehen. Ich kann nur an Frau Merkel appellieren: Wir brauchen endlich einen Konservativismus-Gipfel! Am besten ergänzt durch eine Konservativismus-Reise: Die Bundeskanzlerin besucht zwölf Tage lang Schäferhund-Vereine, Opus-Dei-Messen und einen Kegel-Abend bei den Grünen. In Begleitung von Vertriebenfunktionären und Eva Herman. Und im Abschlusskommunique kann sie dann Franz Josef Strauss zitieren: „Rechts von mir ist die Mauer … Entschuldigung, die Wand!“


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