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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 16:59

    Kennzeichen T - 19.07.2010

    19.07.2010

    "Ich will mich wieder spüren!"

    Die Fußball-WM ist vorbei, der Bundespräsident gekrönt, jetzt kommt die Sommerpause - die Zeit der wirklich großen Themen.

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Ein süßes Zootier ist zwar noch nicht gefunden, auch Nessie hat den Kopf  noch nicht aus dem Rhein gestreckt, aber eines stand schon in der Zeitung: Es gibt eine Renaissance des Fleischessens in Deutschland. Irre!

     

    Vier Spalten, Filet-Foto mit Thymian, nächste Seite Ölpest im Golf. Mit jener dickbackigen Herablassung, wie sie nur Food-Journalisten aufs Papier drapieren – ‚Siebeck-Hollandaise’ nennt man den Duktus, glaub’ ich -, wurde jovialst verkündet, der Deutsche würde beim Fleisch neuestens auch nach Qualität schielen und, man lese und staune, dies bisweilen schonend zubereiten. Das Zauberwort heißt ‚Niedrigtemperatur’.

     

    Den Braten stundenlang bei 80 Grad zu schmoren, das sei es!, oraler Wahnsinn!, das würde die Geschmacksknospen in eine multiple Transzendenz orgasmieren! Den Artikel muss auch Bahn-Chef Grube gelesen haben. Denn trendbewusst wie die Bahn ist, wurde die Methode gleich ausprobiert. Leider gibt’s im Bordbistro nur Mikrowellen, also haben die Mitropa-Lafers den großen Ofen benutzt: die zweite Klasse. Eine ganze Schülergruppe wurde gegart - Gesamtschüler aus NRW, also besonders zäh. Aber drei Stunden bei Niedrigtemperatur - und in Bielefeld waren sie durch.

     

    Was man mit einem ICE alles machen kann! Die Gastrokritik jubelt: Vergesst die Molekularküche, jetzt gibt’s Blechroulade mit Fahrgastfüllung! Der Passagierverband Pro Bahn musste natürlich auch gleich wieder seinen Senf dazu geben: Ein Skandal sei das, die Klimaanlagen würden nicht richtig gewartet, die Klos seien immer verstopft, und das Servicepersonal betrunken. Oder so. Das übliche Pendlergewimmer halt.

     

    Liebe Pro Bahn, ich sage es heute zum allerletzten Mal: Wer die Deutsche Bahn zu Transportzwecken benutzt, ist selber schuld. In die Striptease-Bar geht man ja auch nicht wegen des Bieres. Ich habe eine 100er-Bahncard, weil ich das Maximale erleben will, die Grenzerfahrung, den Yeti sehen hinter dem Stellwerk von Gotha; gerade jetzt, wo das Ende der Fußball-WM ein metaphysisches Loch in meinen Alltag gerissen hat. Ich will mich wieder spüren. Und wenn zwischen Berlin und Köln die Klimaanlage ausfällt, dann tue ich das. Dann tut das jeder, der dabei ist. Dann brodelt es wieder - Public Stewing.

     

    Für die Jammerer gibt es übrigens Entschädigung. Die Bahn will ihnen 150% des Fahrpreises zahlen. Da kann man nur wünschen, dass Erste Klasse gefahren wurde. Am besten von Berlin nach Kapstadt. Ein Zweitklass-Hitzschlag zwischen Göttingen und Kassel bringt grad mal 28 Euro 50. Mit Bahncard 14,25.  Da kann ich auch zuhause kollabieren. Man muss Anreize schaffen für einen Zusammenbruch! Wenn ich auf Hartz IV-Niveau entschädigt werde, brauch’ ich nicht Bahn zu fahren.

     

    Aber sie knausern an allen Ecken. Grade sind Tarifverhandlungen, das nächste große Sommerthema. Die Bahngewerkschaft Transnet will 6% mehr. Vollkommen zurecht. Schaffner bei der Bahn, das ist nicht mehr wie früher - ein bisschen Karten knipsen und Kleinkinder erschrecken. Heute musst du Englisch können, Millionäre und Torhüter von den Schienen klauben, und jetzt auch noch Pennäler grillen. Übersetzer, Unfallarzt und Koch in einem - 60% mehr hätten sie verdient!

     

    Kriegen tun sie nichts. Und jetzt drohen sie mit Streik - was soll das bringen? Bahnchef Grube ist gewohnt, dass Züge nicht fahren. Und bald sind sowieso alle im Urlaub. Das ist das dritte große Sommerthema: Ferienziele der Prominenz. Angela Merkel wird wieder in Bayreuth erwartet. Und Westerwelle weiß noch nicht. Als FDPler kann er sich die Hotels aussuchen. Bahn sollte er fahren. Nicht nur der Umwelt zuliebe; auch wegen der kulinarischen Herausforderung. Es gäbe geschmorten Guido. Ich würde Prinzessböhnchen dazu reichen. Und einen schweren Riesling. Eine Spätlese. Kabinett passt nicht zu ihm. Bon appetit!


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