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Kennzeichen T - 05.07.2010

05.07.2010

"Habemus lupum!"

Christian Wulff ist zum 10. Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt worden. Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Der letzte Mittwoch hat uns erstmalig in diesen Tagen mit einer anthropologischen Grundfrage konfrontiert:  Was macht man mit seinem Leben, wenn die Fußball-WM Pause hat? Nun, Existenzphilosophie hin, Strukturontologie her, letztlich bleibt nur eine Alternative: Man betrinkt sich, ohne dass der Fernseher läuft, oder man sieht einer anderen, ähnlich hirnlosen Leibesübung zu. Also Deutschlandfahne um die Schulter, Vuvuzela in Mund, und dann Private Viewing Bundespräsidentenwahl.

 

Ich hatte Rituale erwartet, Pausenkommentare, Wiederholungen, sinnentkernte Interviews - alles, was auch beim Fußball-Glotzen in die immanente Transzendenz führt. Aber dass es sich gleich zu einem Exerzitium auswachsen würde, das hätte ich dann doch nicht gedacht! Gegen sieben Uhr ging das Bier aus, danach war Anschauung des reinen Nichts. Insgesamt neun Stunden, mit Verlängerung und Elfmeterschießen. Wir waren grade dabei eine Flasche Brennspiritus zu entkorken, um wenigstens wieder ein bisschen Geist in unser Leben zu bringen, als schließlich weißer Rauch über dem deutschen Bundestag aufstieg: ‚Habemus lupum’ - wir haben einen Wulff. Manche sagen, es wäre schön, wenn wir nun irgendwann auch wieder einen Bundespräsidenten kriegen würden, aber die Koalition meint, was am Ende eines Wahltages zählt, ist das Ergebnis.

 

Und das hat selbstverständlich den Richtigen in dieses Amt gebracht, hinter ihm steht die große Mehrheit - des bürgerlichen Lagers, die ihm mit diesem klaren Votum einen eindeutigen Vertrauensbeweis geliefert hat, in einem überzeugenden demokratischen Verfahren, in dem die Koalition Geschlossenheit bewiesen hat, bei allen Konflikten, die es bei einer demokratischen Meinungsbildung eben auch - aber das ist jetzt vergessen, denn das Ergebnis zählt, und das ist ein eindrucksvolles Signal für alle, aber auch für die Bürger, und vor allem für unsere Demokratie, die an diesem Tag einen Sieg davon getragen hat, trotz der Meinungsmache, die in Teilen der Medien gegen den Kandidaten betrieben wurde, der mit der absoluten Mehrheit gezeigt hat, dass er derjenige war, der die größere Anzahl an Stimmen hinter sich versammeln konnte, obwohl dies eine freie Wahl war und man bei über 1200 Mitgliedern der Bundesversammlung nicht jeden einzelnen kontrollieren kann, da ist es normal und in einem demokratischen Verfahren auch gar nicht anders gewünscht, dass der ein oder andere auch mal nach bestem Wissen und Gewissen wählt, wissen Sie, es gibt immer wieder Abweichler, und es waren ja auch Landespolitiker dabei, die können sie nicht alle - aber am Ende war es dann doch eine überwältigende Majorität für den niedersächsischen Ministerpräsidenten, dessen Wahlerfolg klar demonstriert, dass die Koalition steht wie ein Mann, zwischen den kein Blatt passt, und jetzt heißt es nach vorne blicken, denn in ein paar Wochen ist dieses Ergebnis schon wieder ein paar Wochen alt. 

 

Sind Sie noch da? Wenn ja, haben Sie das Scheppern in Ihrem Bewusstsein vielleicht gespürt. ‚Mantra’ nennt man diese Technik. Die östliche Metaphysik versucht damit, eine höhere Geistesebene zu erreichen; wir im Westen gehen den umgekehrten Weg.

 

Wenn mir der Brennspiritus den Kopf nicht komplett vernebelt hat, hab’ ich am Tag der Wahl allein die Formulierung ‚Sieg der Demokratie’ 174 Mal gezählt. Trotzdem glaube ich immer noch, Christian Wulff hat gewonnen. Er wird jetzt einziehen, ins Präsidentenschloss. Jeder Vermieter möchte Kontinuität, und da ist er genau der Richtige. Erst Rau, dann Köhler, jetzt Wulff - Schloss Bellevue wird immer mehr zu einer Bastion des Glamours. Wenn Wulff auch in einem Jahr hinschmeißt, hat Scharping beste Chancen. 

 

Warum ich mir das alles bis zum Schluss angetan habe? Weil ich die Daumen für Joachim Gauck gedrückt habe. Sein Sieg wäre eine Sensation gewesen: Seit fünf Jahren der erste Mecklenburger, der einen Job bekommt. Und ein Pastor; also ein Mann, der Antworten hätte, auf anthropologische Grundfragen. Aber so - schauen wir eben wieder Fußball-WM. 

 

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