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Kennzeichen T - 07.03.2010

08.03.2010

2000 Jahre Dekadenz

Jetzt also die Griechen. Man dachte ja eigentlich, Guido Westerwelle hätte die größten Schmarotzer des deutschen Gemeinwesens ein für allemal identifiziert - da kommen ihm die Leistungserschleicher aus der Ägäis in die Quere. Er kann einem wirklich leid tun: Die ganze schöne Rhetorik von Faulheit, Römern und Verfall - alles weggeblasen von der spätantiken Prasserei der Hellenen.

 

Sogar ihre Haushaltszahlen haben die Griechen aufgemotzt, um sich Gelder zu erschwindeln. Unglaublich! Wie die Liberalen im Koalitionsvertrag - auch noch plagiieren, eine Schweinerei! Aber dummerweise muss das Guidophon diesmal im Halfter bleiben; denn unsere Flüstertüte ist nebenbei noch Außenminister. Da kann er nicht rausblöken, wie es sonst seine Art ist: "Grieche, du bist der Florida-Rolf unter den EU-Bürgern!" - das geht nicht.

 

Obwohl der Grieche seit Äonen sein Budget verlumpt. Um genau zu sein: Seit mittlerweile zwei Jahrtausenden herrscht in Athen Dekadenz. Das schrieb zumindest jüngst der 'Focus', und untermalte sein Verdikt mit einem Titel-Bild der Venus von Milo mit Stinkefinger - eine Geste, die sonst deutschen Fußballprofis vorbehalten ist. Aber der Zweck heiligt den Titel: Man wollte schließlich auch die zahlreichen Analphabeten unter den Focus-Abonnenten zur Griechenhatz aufstacheln.

 

Und 'Focus' muss es schließlich wissen. Vom lateinischen Namen des Organs mal abgesehen, spätestens beim Blick auf dessen Chefredakteur erkennt man: Hier sprechen Menschen, die dabei waren, als in Europa noch im Liegen degustiert wurde. Oder woher soll die Leibesfülle stammen, die sich unter Helmut Marktworts antik gelocktem Schädel breit macht, wenn nicht vom Gastmahl des Petronius?

 

Solches allerdings wird sich der Grieche bald nicht mehr leisten können, zumindest nicht zuhause. Die ersten hauen schon ab. Der Grieche, das weiß nicht nur der Focus-Leser, ist ja der klassische Wirtschaftsflüchtling. Er flieht und eröffnet in der Fremde eine Wirtschaft; aus bislang unerforschten Gründen zumeist in deutschen Vereinsgaststätten. Wir kennen das: Wandgemälde an die Mauer, Gips-Apoll und Diskuswerfer um den Stammtisch, Servietten mit neugriechischem Vokabelschatz, 'Kalimera', 'Kalispera', 'Kalinichta' - und aus Stavros, dem Eisenbieger von Piräus, wird Stavros, der Maitre de cuisine des 'Mykonos'.

 

Das war schon in meiner Kindheit eine feste Größe: Immer Freitagabends ging‘s mit der ganzen Familie ins ‚Mykonos’ - und dort wurde dann abgefüttert: Fleischgerichte mit Fleischbeilagen und Fleischgetränken. Was nicht aus Fleisch bestand, war frittiert.  

 

Aber der Deutsche schluckt‘s bis heute. Und der Grieche lacht über den Deutschen, weil er ihm sein eigenes Gammelhack als Olympia-Teller servieren kann. Der Deutsche hat es ja auch nicht anders verdient, denn er hat dem Griechen in Weltkrieg II sein Gold gestohlen. Mit historischen Vorwürfen allerdings sollte der Grieche ein bisschen vorsichtig sein, sonst kommt am Ende noch der Perser und sagt: "Dreidreidrei - bei Issos Keilerei" - und will Reparationszahlungen.

 

Der Vorteil am Deutschen ist: Er ist seit Äonen Nazi. Das zumindest weiß die Zeitung ‚Eleftheros Typos’, sowas wie der griechische 'Focus'. Da wurde jetzt auch ein Markwort gesprochen: In Deutschland herrsche Finanz-Nazitum - ein ganz neuer Begriff für Buchhaltung. Der Artikel wurde begleitet von einem Bild, das die Goldelse auf der Berliner Siegessäule mit Hakenkreuz zeigt; natürlich ein Bild, denn auch in Griechenland gibt es Analphabeten. 

 

Am Freitag war Ministerpräsident Papandreou in Berlin. Helmut Markwort hatte Angela Merkel vorgewarnt: Sie solle ihn mit Hitlergruß empfangen. Nicht dass der hier bleibt. Und eine Wirtschaft eröffnet. Sie hat nicht auf ihn gehört. Mithin wird aus Giorgios, dem Regierungschef von Athen, Giorgios der maitre de cuisine … Wie es weitergeht, gibt’s immer montags im Focus: Farcen, Farcen, Farcen.    

 

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