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Kennzeichen T - 25.01.2010

25.01.2010

Quantenpolitik

"Alles, was wir über Ursache und Wirkung zu wissen meinen, wird dieser Tage durch die Liberalen außer Kraft gesetzt. Ich warte auf die erste Kabinettssitzung, aus der Westerwelle rauskommt, bevor er reingegangen ist" - MATHIAS TRETTERS "Kennzeichen T" jetzt regelmäßig in TITEL.

 

Eine Nachricht gereicht uns Deutschen dieser Tage sehr zur Ehre: Die Spendenbereitschaft in unserem Land ist so groß wie seit dem Tsunami von 2004 nicht mehr. Der Deutsche mag Weltmeister im Sparen sein, mag lieber Gammelfleisch vertilgen und Leibchen von H&M tragen, als auch nur einen Cent aus dem Strumpf zu holen - wenn er Elend sieht, gibt er aus vollem Herzen. Mehr als eine Million Euro, zum Beispiel, hat jüngst die FDP gekriegt, eine der größten Spenden in der Parteigeschichte. Mitleid spielt da eine große Rolle. FDPler leben auf einer Insel am Rande unserer Zivilisation, von den normalen Menschen getrennt durch ein Meer aus Haargel und falschen Versprechungen. Und dieses Eiland wird immer wieder heimgesucht von Katastrophen: Zuletzt war‘s die Regierungsbeteiligung - ein Unglück, auf das die Partei nicht im Geringsten vorbereitet war.

 

Da braucht es Helfer, die geben, und ihnen sagen, was zu tun ist. August von Finck etwa, ein leibhaftiger Baron, und wohltätig obendrein. Charity ist der neue Sozialstaat, und Adelige sind die neuen Heilsbringer der deutschen Politik. Letzte Woche war an dieser Stelle vom feschen Junker im Verteidigungsressort die Rede, heute geht’s um ein Blaublut im Hotelgeschäft.

 

"Wer nichts wird, wird Wirt" - so lautet die weithin anerkannte Definition der Karriereaussichten schwer Vermittelbarer, und daran hält sich ein traditionsbewusster Spross wie August. Der Mövenpick-Gruppe steht er vor; und wenn Sie jetzt denken: „Das sind doch die mit dem Walnuss-Eis!“, dann liegen Sie nicht ganz falsch. Um Wahlen und Nüsse geht es dem einen oder anderen in der FDP durchaus.

 

Aber Mövenpick besitzt auch Hotellerie. Und für deren Seelenheil hat Baron von Finck mal eben 1,1 Millionen gespendet. Eigentlich ein Grund, der FDP zu gratulieren. Aber irgendwas ist immer: Keiner bei den Liberalen wusste, wie man mit so einer Spende umgeht - jetzt, wo Graf Lambsdorff tot ist. Möllemann ist schon länger nicht mehr und Brüderle nur an seinen guten Tagen zu gebrauchen, im Sommer, auf Weinfesten. Also, was tun? Es wurde nachgedacht, und dann hatten die freien Demokraten mal wieder eine ihrer sensationellen Ideen: Wir schieben alles auf den Zufall! Wir konnten nichts dafür. Wir haben eine Million von einem Hotelier gekriegt, und dann - jetzt  haltet Euch fest! - wurde die Mehrwertsteuer fürs Hotelgewerbe gesenkt. Irre, oder? Was manchmal so zusammenkommt! Diese ganze konventionelle Wissenschaft mit ihrer Wahrscheinlichkeitsrechnung, die kannst du komplett in die Tonne kloppen, gegen die reine Kontingenz der Wirklichkeit.

 

Bei den Steuersenkungen ging‘s ihnen ja genauso: Die haben sie in den Koalitionsvertrag schreiben lassen und plötzlich - durch eine Krümmung des Raum-Zeit-Kontinuums - war kein Geld mehr da. Verrückt!

 

Es gibt schon einen Namen, für diese neue Form der Staatsführung: Quantenpolitik. Alles, was wir über Ursache und Wirkung zu wissen meinen, wird durch die Liberalen außer Kraft gesetzt. Ich warte auf die erste Kabinettssitzung, aus der Westerwelle rauskommt, bevor er reingegangen ist.

 

Bleibt noch die Frage: Was haben wir davon? Und auch da hat die FDP, der Finck-Tank, selbstverständlich eine klare Antwort: Die Konjunktur wird angekurbelt. Mithilfe der Hotels. Die Übernachtungen werden billiger – und von billigen Betten profitieren andere Geschäftsfelder. Da werden jetzt Arbeitsplätze geschaffen. Ohne Sozialabgaben, ohne Kündigungsschutz, ohne Betriebsratsverseuchung. Ein Aufbruch zu neuen Horizontalen. Damit der Deutsche endlich wieder Scheine in den Strumpf stecken kann.

 

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