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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 07:24

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 45)

    02.11.2009

    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von MATHIAS TRETTER. Zu lesen im TITEL, zu hören im Hessischen Rundfunk.

     

    Eine alles überstrahlende Schlagzeile hat die letzte Woche beherrscht. Auf SPIEGEL-Online war es zu lesen; andere Publikationen haben die Sensation sogleich übernommen: „Der neue Außenminister beweist in Brüssel seine Französisch-Kenntnisse. Nach einem Fototermin mit dem schwedischen EU-Ratsvorsitzenden sagte er ‚Merci bien’".

    Chapeau! Damit zieht ein neues Niveau in die internationalen Beziehungen ein. Nichts mehr vom national verkniffenen Klein-klein, vom verschwiemelten Beamten-Englisch halbherzig europäiisierter Bedenkenträger - nein: Merci bien. Wir stehen am Anfang einer Ära: Allons enfants de Westerwelle… Meine Damen und Herren, ich glaube, ich greife nicht zu hoch, wenn ich sage, wir können uns bereits gratulieren, zu diesem polyglotten Emissär unserer neuen Administration.

    Was sind nicht schon für Schweinetröge voller Häme über dem frisch vereidigten Merkelschen Nuntius ausgekübelt worden! Er sei ein eitler Fant, hieß es, und nicht im Mindesten geeignet für das sensible Feld der Außenpolitik. Er wäre laut, lax und lächerlich; ein Schrecken für jedes Protokoll. Und ausgerechnet dieser Mensch tingelt durch die Schaltzentralen der westlichen Diplomatie - der Fant im Porzellanladen.

    Nichts davon! Rien! Er hat nachgerade einen Eiskunstkauf hingelegt, auf dem blank gewichsten Brüsseler Parkett. Zunächst ein eleganter Einstieg bei Kommissionspräsident Manuel Barroso. Auch davon sind seine Worte überliefert. In kristallinem Oxfordschen Idiom verkündete er: „My first day here.“ Seinem alten Englisch-Lehrer in Bonn sollen Zähren des Stolzes über die Wangen getröpfelt sein. Beim Abschied von Barroso will der ein oder andere Adlatus dann gar ein portugiesisch gefärbtes ‚Tschau!’ von Westerwelle gehört haben; das wollen wir dahin gestellt sein lassen, bei Giganten fängt auch die Legendenbildung sehr früh an.

    Dann ging es weiter zu Nicolas Sarkozy. Tres agréable! Endlich ein Mann für Westerwelle, dessen Ego auf Augenhöhe schwebt. Megaphon trifft Auerhahn. Man sah die beiden scherzen, als hätten sie sich beizeiten schon einmal kennen gelernt. In den Boulevard-Redaktionen landauf, landab liefen die Server heiß: Gibt es da ein süßes Geheimnis?

    Bei diesen Bildern verstehe noch einer, warum der tschechische Präsident Vaclav Klaus den Lissabon-Vertrag nicht unterzeichnen will. Wir Deutschen allerdings sollten uns mit Kritik an Euro-Skepsis ein bisschen zurückhalten: Die Tschechen verweigern die Unterschrift, wir schicken Günter Oettinger.

    Übrigens wurde bei dem Gipfel in Brüssel auch über die Zukunft des Planeten entschieden. Angela Merkel, die Klimakanzlerin, hat Finanzhilfen für den Klimaschutz abgelehnt. Musste sie - das Geld haben die Steuersenkungen der FDP aufgefressen. Es war ein großer Tag für unsere Nachkommen: Wir haben erst die Wirtschaft an die Wand gefahren, deswegen können wir es uns jetzt nicht leisten, den Planeten zu retten. D.h. liebe Enkel, ihr kriegt von uns Schulden und Sonnenbrand.

    Als erstes betroffen sind natürlich die Entwicklungsländer; aber was Angela Merkel von der Dritten Welt hält, das zeigt ja schon ihr Personal. Zum Entwicklungshilfe-Minister hat sie Dirk Niebel gemacht. Angeblich ein Zugeständnis an die FDP. Die wollte das Ministerium nämlich gleich ganz abschaffen. Deshalb haben die Liberalen gesagt: Schicken wir Dirk Niebel, das kommt aufs Selbe raus.

    Ich finde es schön, dass man auch Außenseitern eine Chance gibt. Das neue Kabinett ist ja ein Vorbild an Integrationswillen. Allein die drei wichtigsten Posten - Kanzler, Vize-Kanzler, Finanzminister: Eine ostdeutsche Frau, ein Homosexueller und ein Behinderter. Dazu ein vietnamesischstämmiger Gesundheitsminister, im Verteidigungsressort ein Blaublüter, im Justizministerium eine Frau mit Doppelnamen. Sogar Peter Ramsauer hat man untergebracht. Hoffen wir, dass sie sich alle so gut machen wie er, Guido, unsere Brüsseler Spitze. Nicht ärgern lassen!









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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