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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. April 2017 | 04:39

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 46)

    09.11.2009

    Nicht ärgern lassen

    "Warschau, Den Haag, Paris, Washington - was haben diese fünf Städte gemeinsam? Richtig, sie sind in den letzten Tagen von einem Tsunami heimgesucht worden. Aber es war keine Wasserwand, die da über sie hereinbrach; das hätte man noch einordnen können. Nein, weitaus verstörender: Es war eine Westerwelle." - Der satirische Wochenrückblick von MATHIAS TRETTER

     

    Jetzt hat er auch noch das ‚Du’ als diplomatische Anrede entdeckt. „Lieber Radek“ sprach er den polnischen Außenminister an - ja, was sollen auch diese Formalitäten, man kennt sich schließlich seit 17 Minuten! Ich vermute, spätestens beim zweiten Besuch wird er ihn „Radi“ nennen.

           

    Und seitdem sammelt Westerwelle Duz-Freunde, wie andere Männer Frauen. In Washington konnte er ganz viele verbuchen; dort haben alle ‚you’ zu ihm gesagt. Aus Paris berichtete er stolz, auch mit Bernie-Baby - das ist der Außenamtschef von Frankreich - sei er per du. Bernard Kouchner hat es ihm selber ins Ohr geflüstert: Ihr Verhältnis ist ‚perdu’.

    Und dann natürlich der Chef persönlich, le President, der französische Staatspräsident. Was hat der mit Westerwelle geschäkert! Typisch Sarkozy. Er baggert wirklich alles an, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Sarkozy hat einfach die gleiche Wellenlänge, die Westerwellenlänge. Es gibt nur noch einen anderen europäischen Politiker, der eine ähnlich olympische Eitelkeit besitzt wie die beiden. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis Guido in Berlusconis Garten in Sardinien rumhüpft.

    Angela Merkel war auch in Washington. Sie hat eine viel beachtete Rede vor dem Kongress gehalten. Zum ersten Mal bei ihr waren die ganz großen Wörter darin: Klima, Freiheit, Frieden. Schön und gut. Aber was nützt der Beifall für das ganze Friedensgerede, wenn Obama seine Generäle nicht im Griff hat. General Motors, zum Beispiel. Am Montag ist die Entscheidung gegen Magna gefallen. Am Dienstag hat Angela Merkel vorm Kongress gesprochen. Und dann stehen die auf und beklatschen die Kanzlerin. Und haben alle schon im Hinterkopf: „Fuck Rüsselheim!“ Das waren stehende Opelationen. Klar, dass sie zugestimmt haben, als Merkel Klimaschutz gefordert hat. Die Amis tragen ihren Teil ja schon dazu bei: Dank ihnen werden in Deutschland bald 100.000 Autos weniger gebaut.

    Und wir sind ja auch beteiligt. Eine Milliarde unserer Steuergelder hat GM bislang gekriegt. Als Abwrackprämie für Opel. Das hat schon bei Quelle wunderbar funktioniert.
    Die Bundesregierung sollte eine Kommission einsetzen, die überprüft, welchen Unternehmen man noch Geld überweisen könnte, damit sie uns in Zukunft nicht mehr mit ihren Produkten belästigen. Bei manchen würde ich da sogar eine Steuererhöhung auf mich nehmen. RTL. Vuitton. Oder Schlecker - Schlecker ganz besonders! Damit täte man auch den dort Beschäftigten was Gutes. Ich bin diese Woche in die Verlegenheit gekommen, so einen Drogeriemarkt besuchen zu müssen - das ist Einkaufen als Grenzerfahrung. Schon die Innenarchitektur atmet albanischen Charme. Mit dieser spätsozialistischen Warenpräsentation - Regalstalinismus: so eng wie möglich, damit es nach viel aussieht. Wenn Sie mal richtig Spaß haben wollen, gehen Sie mit einem Klaustrophobiker in einen Schlecker-Markt. Zwei Minuten - und die ersten Shampoo-Flaschen fliegen.

    Aber all das ist erträglich, im Vergleich zu dem, was an der Kasse lauert: Da hängt in fahrlässiger Höhe ein Fernseher, Modell Neuköllner Wohnungsauflösung 1983, aus dem ein Werbeheini schmalzt, der aus der gleichen Wohnungsauflösung stammen könnte; dazu wimmert Hintergrundmusik, die jeden Synthesizer vor Scham in den Freitod treiben würde. Und dann kommen die Angebote: Rotkäppchen-Sekt, Schlager-CDs, Damenbinden, Kekse, Katzenstreu und der weiche Chantré. Und zwar in der Reihenfolge und in Endlosschleife. Damit wollen sie Kunden zum Kauf von Produkten animieren. Und ich muss sagen: es funktioniert. Ich habe zu einem Fläschchen Chantré gegriffen, sonst hätte ich es nicht überstanden. Die Kassiererinnen sitzen den ganzen Tag unter diesem Bildschirm - ich hatte nach drei Minuten eine exogene Depression. Die muss man einfach retten!

    Deshalb spare ich für den Fall, dass wieder ein Konzern Kredite braucht. Vielleicht ist es ja Schlecker. Oder die Deutsche Bank. Dann leiste ich Finanzhilfe. Denn dann kann ich sicher sein: Mit dem Laden geht’s zuende. Nicht ärgern lassen!









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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