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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 07:26

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 47)

    16.11.2009

    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von MATHIAS TRETTER. Zu lesen im Titel-Magazin.

     

    Nun ist es raus: Angela Merkel hat ihre Regierungserklärung gehalten. Nach den Koalitionsverhandlungen haben ja alle darauf gewartet, dass sie uns diese Regierung erklärt. Jetzt stellt sich raus: Sie kanns nicht. Sie braucht erst einmal, hat sie verkündet, „eine schonungslose Analyse der Lage unseres Landes.“ Mhm. Und was hat sie die letzten vier Jahre gemacht? Die Zeitungen sind doch täglich voll mit Analysen zum Befinden dieser Republik, die Buchläden bersten von Traktaten, die Friedrich-Ebert-Stiftung bringt minütlich eine Studie raus - Narziss wäre angeekelt gewesen von soviel Selbstbespiegelung. Und eine schonungsloser als die andere.

    Jetzt rächt sich, dass Frau Merkel dauernd im Ausland war. Sie hat in den letzten vier Jahren mal wieder nichts mitgekriegt. Sie saß ja schon beim Mauerfall in der Sauna. Und nun will sie mit dem Regieren anfangen, und merkt plötzlich: Verdammt, wo ist das ganze Geld hin? „Hypo Real Estate? Was ist das denn? Das hab’ ich ja noch nie gehört. Da muss ich mal den Wirtschaftsminister fragen. Wo ist denn bloß die Nummer von dem Michel Glos?“

    Vielleicht tue ich ihr unrecht. Könnte ja sein, dass sie das bewusst macht. Ihr Übervater Helmut hat die geistig-moralische Wende verkündet, jetzt kommt die kontemplative Wende. Kontemplation: Man dringt durch Betrachtung in das Wesen der Dinge, und verändert dadurch die Welt. Ein kontemplativer Feuerwehrmann beispielsweise betrachtet ein brennendes Haus und fragt sich: Was ist Feuer? Bis es niedergebrannt ist. Dann hat er durch reine Betrachtung sein Ziel erreicht: Das Feuer ist aus. Die Banken wiederum verbrannten und verbrennen Milliarden. Und wenn Angela Merkel das nur lange genug betrachtet, wird auch sie ans Ziel kommen: Sie kriegt Asche für Steuererleichterungen. 2011, sagt sie, solls soweit sein.

    Bis dahin wird erstmal gefeiert. Von neunten November dieses bis dritten Oktober nächstes Jahr. Mauerfall bis Wiedervereinigung, wie 89-90. Ein Jahr Feiern, 19 Jahre Kater. Aber jetzt beklagen sich die Westdeutschen: Ihr habt uns unser Land weggenommen. Der neue Verkehrsminister Peter Ramsauer möchte Milliarden in den Aufbau West stecken. Er hat Angst, dass die Wessis alle in den blühenden Osten abhauen. Schwerin, Magdeburg, Eisenhüttenstadt - diese pulsierenden Metropolen üben geradezu einen Magnetismus aus, auf die Menschen in den abgetakelten Kommunen von Frankfurt oder München. Wenn wir da nichts tun, wird der Osten bald überschwemmt von einer Westlerwelle.

    Die Infrastruktur in Westdeutschland ist aber auch ein Desaster. Ich erlebe das jeden Tag, ich bin Bahnfahrer. Ich bin diese Woche mit dem Zug von Mainz nach Köln gefahren, und ich habe mich wieder so geärgert! Ich wusste es vorher: Ich wäre schneller gewesen, wenn ich die römische Handelsstraße genommen hätte.

    Im Osten dagegen - fantastische Bahnstrecken. Ich war im Erzgebirge, in der Oberlausitz, am Oderbruch - wow! Gut, Dampfloks, aber schööön! Vielleicht bin ich ein bisschen voreingenommen, ich lebe ja in Ostdeutschland. Deswegen macht mich Ramsauers Plan auch veritabel sauer. Ich bin dort hingezogen, um mir meinen Solidaritätszuschlag zurück zu holen. Und jetzt soll ich plötzlich für Gelsenkirchen Soli zahlen. Als hätte der Osten nicht schon genug für die alten Länder geblutet! In der Sächsischen Schweiz gibt es Orte, aus denen die gesamte weibliche Bevölkerung nach Westdeutschland gezogen ist. Die Soziologie nennt das ‚Babe Drain’. Alle XX-Chromosomen weg, was bleibt, ist Aktenzeichen XY. Eine reine Männergesellschaft. So was gibt es in der Neuzeit nur noch in den drei düstersten Randgebieten der Zivilisation: Gefängnis, Kloster, Studentenverbindung. Die Sächsische Schweiz allerdings hat weder Katholizismus noch Universitäten. Das heißt für die Zurückgebliebenen: Wenn überhaupt irgendeine Karriere, dann Gefängnis. Aber selbst kriminelle Organisationen gibt’s dort ja viel zuwenig. Und da bleibt dann eben nur die NPD.

    Was der Ramsauer wohl dazu sagt? - „Seid froh, dass wir eure ollen Schabracken genommen haben.“ - Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Stimmung schon schlecht genug ist. Und jetzt haben sich auch noch die Depressiven von der SPD nach Dresden geschleppt. Wie viel wollen wir dem Osten noch aufbürden?
    Nicht ärgern lassen!

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