TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 06:54

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 43)

19.10.2009

Nicht ärgern lassen

Die Spannung steigt. Nicht mehr lange, dann wird für uns Wähler die Frage beantwortet: Was haben wir gewählt? Bzw. was nicht. In den Ländern gibt es ja mittlerweile eine Bündnis-Politik, gegen die war Bismarck ein Autist. Das ist keine Mehrheitsfindung, das ist Farbtherapie. Wer z.B. im Saarland für Grün gestimmt hat, kriegt dafür jetzt die Atompartei CDU und die Krawattenlackl von der FDP. Soviel Bacardi gibt’s gar nicht, um sich das Jamaika schönzusaufen. Der satirische Wochenrückblick von MATHIAS TRETTER.

 

Und auf Bundesebene sieht’s nicht besser aus. Wir bekommen eine schwarz-gelbe Regierung mit einer schwarz-rot gefärbten Kanzlerin und einem Außenminister, der das Blaue vom Himmel versprochen hat und jetzt plötzlich auch schwarzsieht. Seine Steuersenkungen scheitern - und da war Westerwelle ganz, ganz arg überrascht! - an den Finanzen. Nein! Plötzlich ist rausgekommen: Es ist kein Geld dafür da!

        

Aber das ist ja nicht die Schuld der FDP, sagt Westerwelle. Er hätte auch versprechen können, dass er nach der Wahl über Wasser laufen kann - um dann beim ersten Versuch festzustellen: Verdammt nochmal, die vermaledeite Physik spielt nicht mit! Aber - die FDP kann nichts dafür. Sie war nicht an der Regierung, als die Schwerkraft eingeführt wurde. Deswegen kann man es ihm nicht anlasten, dass er tropfnass ist.

Aus Dortmund erreichte uns eine Nachricht, die noch mal Leben in die Koalitionsverhandlungen bringen könnte. Magdalena H., ihres Zeichens Sekretärin beim Bauverband Westfalen und bundesweit bekannt geworden als die Frikadellen-Marderin, hat eine Entschuldigung von ihrem Chef erhalten. Der hatte sie wegen des unerlaubten Verzehrs eines Fleischklopses nach 34 Jahren Betriebszugehörigkeit rausgeschmissen.

Abgründe tun sich auf, im bundesdeutschen Büroalltag. Durch den Fall ist endlich herausgekommen, wie skandalös schlecht sich deutsche Sekretärinnen ernähren. Hackfleisch - im Zeitalter der Gammelmetzger! Kann man sich unsozialer benehmen? Da ringen in Berlin Dutzende von Koalitionsaspiranten nächtelang um den Erhalt unseres Gesundheitssystems - und dann ruinieren egozentrische Schreibkräfte ihren Organismus mit ranzigen Fett-Bomben!

Es ging bei der Entlassung doch nicht um Diebstahl. Nein, der Chef hat die Frau freigesetzt, weil sie das Humankapital der Firma gefährdet hat. Das Vertrauensverhältnis sei zerstört, hat er gesagt. Und das kann man verstehen, wenn eine Angestellte mutwillig die eigene Arbeitskraft aufs Spiel setzt. Was mit einer Frikadelle anfängt, endet beim Herzinfarkt.

Die Sekretärin selber war sich keines Fehlverhaltens bewusst. Sie meinte, sie hätte die Frikadelle nicht zur Schwächung, sondern zur Stärkung ihrer Arbeitskraft verzehrt. Und überhaupt, genau das Gesundheitssystem ist ja schuld, dass sie ins Buffet gegriffen hat. Eine Sekretärin wie sie kriegt ein kleines Angestellten-Gehalt; wenn die eine Angina hat - nach der Gesundheitsreform kann sie sich keine Medikamente mehr leisten. Da muss der Bürger Eigenverantwortung entwickeln: Zwei Bissen Fleisch aus einem deutschen Supermarkt - und der Wochenbedarf an Antibiotika ist gedeckt. Das hat schließlich auch ihr Chef eingesehen.

Die Frikadelle wäre natürlich eine Bagatelle ohne die Frage: Gibt die FDP ihren Senf dazu? Ja, daran werden wir uns gewöhnen müssen. Bislang hat Guido Westerwelle zu jedem Thema seine Meinung geäußert; jetzt wird er manchmal sogar danach gefragt. Als Unternehmer-Partei muss die FDP natürlich die Position des Vorgesetzten einnehmen: Die Entlassung der Sekretärin war richtig. Der Mundraub liefert den Liberalen ein Argument, das sie im Koalitionskampf mit der CDU wieder nach vorne bringt. Jetzt können sie endlich die Lockerung des Kündigungsschutzes durchsetzen. Denn selbst der sozialste Christdemokrat wird eingestehen: Es ist keinem Chef zuzumuten, immer darauf warten zu müssen, dass eine Angestellte ein Fleischpflanzerl verputzt, damit er sie rausschmeißen kann. Von der Lebensmittelverschwendung mal ganz abgesehen; wenn es endlich möglich ist, Leute ohne Grund zu kündigen, können wir jedes Jahr 100 Tonnen Hackfleischbällchen nach Äthiopien liefern. Also, Guido: Ran an die Buletten! Und vor allem: Nicht ärgern lassen!



 




Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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