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Samstag, 25. März 2017 | 06:53

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 41)

05.10.2009

Nicht ärgern lassen

"Die letzten elf Jahre, das war für die SPD keine Regierungszeit, das war Leichenfledderei. Die Sozialdemokratie ist dem internationalen Organhandel zum Opfer gefallen. Erst hat Schröder ihr Herz verkauft, dann ist ihr Merkel an die Nieren gegangen, Lafontaine hat sie zur Ader gelassen; in der Großen Koalition hat sie sich ein Bein ausgerissen, um wenigstens ein bisschen Rückgrat zu bewahren. Und wenn jetzt Gabriel kommt, wird sie ein Auge auf die Linke werfen, und die Nahles wird dafür sorgen, dass sie noch mehr aus dem Bauch raus macht." Der satirische Wochenrückblick von MATHIAS TRETTER.

 

Schwarz-Gelb, also. Es ist kaum eine Woche her, aber es kommt einem vor, als wäre es gestern gewesen. So tief sitzt der Schreck. Für jemanden mit meiner Sozialisation ist letzten Sonntag eine Welt zusammen gebrochen. Ich hatte Verluste befürchtet, keine Frage; wenn man einen derart farblosen Spitzenkandidaten aufstellt, braucht man sich nicht zu wundern. Aber dass sich die CSU so eine Klatsche einfängt, dass kann nicht nur an dem Ramsauer gelegen haben.

         

41%! In München gilt das als eine Abwahl. Ein Ministerpräsident, der nicht über die Fünfzig-Prozent-Hürde kommt, der gehört in Bayern in die Bio-Tonne.

Schuld ist angeblich die FDP. Die soll Stimmen von CSU-Wählern abgezogen haben. Angela Merkel habe nur durch Leihstimmen gewinnen können. Damit wäre sie sozusagen die Leihmutter der Nation. Das kennen wir von ihr: Sie geht seit Jahren mit geborgten Ideen schwanger. Weil alle anderen unfähig sind, irgendetwas in die Welt zu setzen, Westerwelle sowieso, und etwas Unfruchtbareres als die SPD kann man sich kaum vorstellen; gut, Seehofer, der hat bewiesen, dass er durchaus zeugungsfähig ist, aber er kann aus München nicht weg; also hat der CSU-Wähler gesagt: „In Gottes Namen, trägts halt wieder die Angie aus!“

Ein hoher Preis - Westerwelle wählen, um Merkel zu kriegen. Guido hat ja gleich am ersten Tag nach der Wahl der versammelten Weltpresse seine Fähigkeiten als kommender Außenminister vor Augen geführt. ‚Leistung muss sich wieder lohnen’ - das gilt in der FDP offensichtlich nicht für Fremdsprachen. Ein BBC-Reporter stellt eine Frage, die jeder mit Neunteklasse-Englisch verstehen würde - Hauptschule -, und unser neuer Leistungsträger im Außenamt muss sie sich übersetzen lassen. Und wird dann auch noch pampig: Der dahergelaufene britische Schmierfink soll gefälligst deutsch sprechen!

Wir brauchen die Globalisierung, wir brauchen die internationalen Finanzmärkte, wir brauchen Arbeitnehmer, die sich weltweit einsetzen lassen - aber, verdammt nochmal, „es ist Deutschland hier!“ Ja, die FDP ist eine ‚Klientel-Partei’. Außerhalb der FDP kannst du heute ohne Englisch vielleicht noch Regalauffüller bei Norma werden. Mit der FDP langts wenigstens fürs Außenministerium.

Warum können wir nicht den Steinmeier behalten? Der hat wenigstens keinen Schaden angerichtet. Aber der SPD bliebe nur die Koalition mit der stärksten Kraft, den Nichtwählern. Die hatten 28%. Zusammen wäre das die absolute Mehrheit. Und auf beiden Seiten ist der Nihilismus ungefähr der gleiche.

Die letzten elf Jahre, das war für die SPD keine Regierungszeit, das war Leichenfledderei. Die Sozialdemokratie ist dem internationalen Organhandel zum Opfer gefallen. Erst hat Schröder ihr Herz verkauft, dann ist ihr Merkel an die Nieren gegangen, Lafontaine hat sie zur Ader gelassen; in der Großen Koalition hat sie sich ein Bein ausgerissen, um wenigstens ein bisschen Rückgrat zu bewahren. Und wenn jetzt Gabriel kommt, wird sie ein Auge auf die Linke werfen, und die Nahles wird dafür sorgen, dass sie noch mehr aus dem Bauch raus macht.

Bei denen, die die SPD jetzt aufstellt, kanns einem angst und bange werden. Vorsitzender soll der ehemalige Popbeauftragte der Partei werden. Gunter Gabriel … Sigmar! Sigmar Gabriel. Mich wundert ja, dass der Wowereit so still hält. Er hat sich sogar hinter Gabriel gestellt. Also, an Gabriels Stelle, ich hätte da kein gutes Gefühl. Mit Wowereit im Rücken - der Mann ist ja zu jeder Schandtat bereit! Der will unbedingt mit der Linkspartei. Aber das darf nur der Chef der Bundes-SPD. Und was der Bundeschef darf, ist dem Berlin-Chef noch lange nicht erlaubt. Quod licet Jovi, non licet Wowi.

Deshalb muss Wowereit unbedingt selber Vorsitzender werden. Wowereit als SPD-Chef, das wäre doch toll. Dann hätten die drei größten deutschen Parteien eine Frau und zwei Schwule als Vorsitzende, die Linkspartei einen Ossi und einen Halbfranzosen, die CSU einen Polygamisten und die Grünen zwei Grüne - mehr Minderheitenpolitik geht nicht! Das wäre zum ersten Mal ein Grund, stolz auf Deutschland zu sein. Die toleranteste Republik der Welt. Dagegen ist Holland ein Opus-Dei-Kloster. Nicht ärgern lassen!




 




Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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