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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 16:59

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 31)

    27.07.2009

    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick, zum letzten Mal vor der Sommerpause. Im September, pünktlich zur heißen Phase der Bundestagswahl, meldet sich MATHIAS TRETTER zurück - wie gewohnt, montags im TITEL-Magazin.

     

    Nun ist es also soweit. Unser ungeteiltes Mitleid gebührt in diesen Tagen den Reichen und den noch Reicheren. Gestern noch hatten sie einen Porsche vor der Tür stehen, jetzt ist es plebejischer VW. ‚Downgrading’ nennt man das in diesen Kreisen. Das ist grade sehr angesagt. So hört man zum Beispiel immer öfter von verzweifelten Geschäftsmännern, die nicht mehr Business-Class fliegen dürfen. Die sitzen in der Economy und heulen harmlosen Pauschaltouristen in den Tomatensaft. Und bald ist es auch vorbei mit der Übernachtung im Inter-Conti. Dann wird auf Geschäftreise in der Jugendherberge logiert. Im Zwanziger-Zimmer mit einer Hauptschulklasse aus Hoyerswerda. Mit der kann der jettende Unternehmensberater dann über die Partizipialkonstruktion von ‚Downgrading’ diskutieren: Heißt es ‚gedowngradet’ oder ‚downgegradet’? Dann gibt es natürlich erstmal einen mitleidigen Blick - „Mein Gott, wie kann man so ungebildet sein!“ -, und dann erklären ihm die Siebtklässer die Deplatziertheit von Anglizismen.

          


    „Down“ heißt übersetzt „runter“, „grade“ soviel wie „Stufe, Steigung“. D.h. es wird viel runter gestiegen momentan. Und zwar zu uns, dem Durchschnittspöbel, der schon immer Volkswagen gefahren hat. Und sogar noch tiefer.

    Da wird aus einer Milliardärin plötzlich die Hartz-IV-Empfängerin Schickedanz. Gedowngradet. Wenn man Frau Schickedanz glauben darf, dann ist sie ja komplett verelendet. Sie lebt von 600 Euro im Monat, hat sie in der BILD-Zeitung erzählt. Und die muss sie für die Bayreuther Festspiele sparen. Sie schläft am Hauptbahnhof von Fürth hinter der Bratwurstbude und deckt sich mit Versandkatalogen zu. Bei der Ernährung greift sie auf das zurück, was die freie Natur ihr bietet. Trinken ist sowieso kein Problem, sie sitzt ja direkt an der Quelle. Und was das Essen betrifft, da meinte die tapfere Prekarierin im Interview: „Gemüse, Obst und Kräuter haben wir im Garten.“ Der Garten ist natürlich nicht der eigene - der ist ja längst gepfändet; nein, Madeleine, die Enteignete, geht mit ihrem Mann Leo, dem stadtbekannten Bettler, zum Reichparteitagsgelände. Ihre Firma hat da noch ein paar Wurzeln, an denen haben sie jetzt ein bisschen zu kauen.

    Madeleines Vater, Gustav Schickedanz, war nämlich selber ein großer Enteigner. Er hat jüdische Unternehmer von den Nazis downgraden lassen. Drei Viertel seines Vermögens bei Kriegsende stammten von enteigneten Juden. Deswegen hat er auch hat dauernd betonen müssen, dass es alles ihm gehört. Denken Sie an den Werbeslogan: „Meine Quelle.“ - das hört sich gleich ganz anders an.

    Wer weiß, was noch alles downgegradet wird? Schleswig-Holstein. Wird möglicherweise bald seinen Status als Bundesland verlieren. Und als Schrottimmobilie an Dänemark verkauft. Kaufpreis: ein Hering. Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir sind die Nervensägen endlich los. Und die HSH Nordbank wird auch noch die Dänen ruinieren. Vielleicht nehmen sie dann endlich den Euro.

    Mit Sicherheit gedownt und noch viel mehr gegradet wird die SPD. Grade noch Volkspartei, Ende September schon Splittergruppe. Die Bundestagswahl wirft ihren Schatten voraus; und in dem erfrieren jetzt schon Sozialdemokraten.

    Aber nicht nur Sozialdemokraten, auch der Steinmeier bibbert. Ich frage mich, was rauskommt, wenn man Steinmeier downgradet? Steinbrück? Oder doch nur ein Steinchen? Wir wissen, das genügt, um den Erdrutsch ins Rutschen zu bringen. Und der kann alles unter sich begraben. Sogar die Fünf-Prozent-Hürde.

    Wie auch immer, bis zum September mach ich jetzt erstmal Pause. Ich brauche meine Kraft für den Wahlkampf. Wenn ich mir nur die vergangene Woche in Kiel ansehe - ich ahne Schlimmstes. Bevor es losgeht, hoffe ich, Sie haben einen großartigen Restsommer - und wünsche Ihnen für jeden Flug, jedes Hotel, jedes Navigationsgerät ein kostenloses Upgrade. Und wenn der September dann da ist: Nicht ärgern lassen!




     




    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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