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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 10:45

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 30)

    20.07.2009

    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von MATHIAS TRETTER. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 30

     

    Ich sitze hier im Sommerloch in Frankreich, habe gerade den ersten Pastis gefrühstückt und jetzt endlich mal Zeit, auf die bisherigen Sommerloch-Themen zurückzublicken. Viel gibt’s da dieses Jahr nicht. Michael Jacksons Pillen und die Rente. Ja, Rente geht immer. Wir werden noch über die Rente diskutieren, wenn es Pensionen nur noch im Tourismus gibt.

          


    Bei der Bevölkerungsentwicklung wird das wahrscheinlich auch nicht mehr lange dauern. Fast hätte ich gesagt, uns sterben die Einzahler weg, aber das Gegenteil ist der Fall: Sie werden gar nicht erst geboren. Dafür verabschieden sich die Rentner immer später. D.h. Deutschland ist auf dem Weg in die Rentnergesellschaft ohne Rente.

    Wenn man sich den einen oder anderen Pensionär so anschaut - also, manchen gönnt man es auch. Ich saß vor einiger Zeit mal wieder in einer Weinstube - ich gehe dort öfter hin, um nicht mit Angehörigen meiner Generation zusammen zu treffen; als Kabarettist wird man von Leuten Mitte dreißig immer so mitleidig angesehen. Da wird dann getuschelt: „Der Arme! Heute Abend hat er wieder Vorstellung. Also, täglich diese Seniorenbetreuung - ich könnte das nicht!“ Aber in Weinstuben passiert einem so was nicht; man kann sagen, Weinstuben sind jugendfrei. Jedenfalls saß ich in einer, in der Nähe des Stammtischs. Der war umringt von Rentnern, Altersgruppe irgendwo zwischen Pflegestufe drei und Schmach von Versailles, also niemand, von dem Gefahr ausging.

    Was ich allerdings nicht bedacht hatte: Es war der 20. April. Und siehe da, es dauerte keine fünf Minuten, da wurde auch schon der erste Toast ausgebracht: „120 wär’ er heud gewordn. Es war ned alles schlecht.“ Es ist sonst nicht so meine Art, aber ich bin dann zu ihnen hingegangen: „Meine Herrrren! Rrrespekt! Sie haben rrrrecht!“ Sofort hatte ich ihre Aufmerksamkeit. „Unter Hitler war die Rentenkasse immer voll, weil er dafür gesorgt hat, meine Herrrren, dass keiner so alt wurde wie Sie!“

    Die Mehrheit der Rentner sind natürlich erträgliche Menschen. Und für die wird es in Zukunft leider auch eng. Deswegen hat Franz Müntefering vor zwei Jahren die Rente mit 67 durchgedrückt. Er dachte, wenn Leute länger arbeiten, zahlen sie länger ein, logisch! - und die Zeit, in der sie Rente kriegen, wird auch verkürzt. Das Problem ist nur: Die Arbeit, die es gibt, nimmt nicht zu, sondern ab. Weil immer mehr von Maschinen und von Chinesen erledigt wird. Rente mit 67 heißt einfach, dass man zwei Jahre länger arbeitslos ist als früher.

    Aber wo ist die Lösung? Die SPD-Linke hat jetzt vorgeschlagen, dass die Leute einfach wieder mit 65 in den Ruhestand gehen. Also kürzer arbeitslos, dafür länger mittellos. Und die Wirtschaft sagt: Ist doch alles kein Ding - private Vorsorge, das ist es! Man kauft sich früh genug ein paar Fondsanteile, am besten in Island, und von der Altersvorsorge kann man sich dann als Rentner auch mal einen Schokoriegel leisten. Wenn einem jemand was leiht.

    Kurz: Es funktioniert alles nicht. Tatsache ist, es gibt zu wenig Arbeit und es wird zu lange gelebt. Wenigstens an einem von den beiden Punkten müsste man ansetzen. Aber mehr Arbeitsplätze, davon träumt die Merkel nicht mal mehr; und Michael Jacksons Pillen sind ja auch keine Lösung. Nein, meine Damen und Herren, es gibt nur einen einzigen Weg: Vergessen Sie einfach die Vorsorge! Nur Spießer sorgen vor.

    Nehmen Sie mich als Beispiel. Wenn alles normal läuft, gehe ich im Jahr 2039 in Rente. Und dafür soll ich heute Hunderte Euro im Monat überweisen? Mal abgesehen davon, dass der Lebenswandel eines Kabarettisten das Erreichen des Rentenalters ohnehin unwahrscheinlich macht; für ein paar Hundert Euro wird man in Zukunft vielleicht grade einen Laib Brot kriegen - und da denke ich noch gar nicht über nächstes Jahr hinaus. Außerdem: Das Geld, das ich jetzt in die Kasse einzahle, fließt zum Teil schon den heutigen Rentnern zu. D.h. ich finanziere Leute, die in der Weinstube Blödheiten krakeelen. Ohne mich! Meine nächste Rate bleibt in der Gastronomie. Ich lasse es mir gut gehen, und Sie sollten sich das auch überlegen. Wenn alle mitmachen, dauerts ein halbes Jahr - und das wars dann mit dem Rentensystem. Dann können wir endlich wieder in die Zukunft schauen, ohne uns Gedanken um die Altersvorsorge zu machen. Und das Sommerloch wird vielleicht auch mal wieder interessanter. Nicht ärgern lassen!




     




    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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