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Samstag, 25. März 2017 | 06:57

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 28)

06.07.2009


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 28

 

Es ist in diesen Tagen etwas eingetreten, was es so lange nicht mehr gab: Konsequenzen. Bislang hatte man nicht mit einer Strafe zu rechnen, wenn man etwa einen Konzern an die Wand fuhr und Milliardenschäden verursachte. Stattdessen gab es die berühmte Abfindung, die Zahlung eines beträchtlichen Betrages, mit dem man von dem Unternehmen, das man ruiniert hatte, über das eigene Unvermögen hinweggetröstet wurde. So gestärkt konnte man seine ganze Energie einer neuen Firma widmen, die schon viel zu lange schwarze Zahlen geschrieben hatte. Wenn die dann auch erfolgreich zerschlagen war, kam die nächste Abfindung. Und so ging es immer weiter, bis es einem langweilig wurde. Dann ging man nach Marbella oder in die Politik.

        

Mittlerweile geht man auch in den Knast. Der amerikanische Anlageberater Bernard Madoff ist jetzt zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Mann ist 71 Jahre alt. D.h. wenn er entlassen wird, könnte er mit Johannes Heesters auf Tournee gehen. 65 Milliarden Dollar hat er verzockt. Er hatte ein so genanntes Schneeballsystem: Er hat das Geld von seinen Anlegern nicht investiert, sondern auf Konten geparkt, und wenn die ihre Investition mit Rendite zurückwollten, hat er sie einfach mit Geld von neuen Anlegern bezahlt. Also, etwa so wie die deutsche Rentenversicherung. Nur dass Norbert Blüm immer noch nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. „Die Rente ist sische.“, das war ein Madoffsches Anlageversprechen.

Bei dem größten Teil der Milliarden, die Madoff verbaselt hat, handelt sich übrigens um das Vermögen von Juden. Da fragt man sich hier jetzt natürlich: Ist die hessische CDU auch betroffen? Wer weiß, wie viele in ihrem Testament Roland Koch als Haupterben eingesetzt hatten? Dieses Geld ist jetzt futsch. Im nächsten Wahlkampf kann er sich vielleicht nur noch Schwarz-weiß-Plakate leisten. Naja, würde ihm ja auch ganz gut stehen. Frei nach Karl Marx: Das Sein bestimmt das Design.

Wenn es um illegale Parteienfinanzierung geht, ist ja auch die FDP nie weit. Die Liberalen haben diese Woche ebenfalls Konsequenzen gespürt. 4,3 Millionen Euro Strafe wegen der Spenden von Jürgen W. Möllemann. Und das drei Monate vor der Bundestagswahl. Auch da bangt man jetzt um die Wahlwerbung. Guido Westerwelle, der drohende Außenminister, ist ja bekannt für seine ausschweifenden Kampagnen. Das Guido-Mobil wird diesmal ein bisschen kleiner ausfallen müssen - irgendwas aus der Konkursmasse von Opel. Oder ein Fahrrad von Quelle. Auch dieser Wahlkampf würde sehr gut zu seinem Protagonisten passen: Westerwelle kann so gut Radfahren wie jeder Durchschnittsdeutsche, aber er trägt ein gelbes Trikot.
Die FDP hofft natürlich, dass das Geld auf jeden Fall für ein eigenes Fahrzeug reicht. Nicht auszudenken, wenn Westerwelle in Berlin die S-Bahn nehmen müsste. Die Wahl ist ja schon im September.

Das Eisenbahn-Bundesamt hat grade über 100 Berliner S-Bahnen stillgelegt, wegen Sicherheitsrisiken. Die Frist für die Sicherheitsüberprüfungen ist allerdings bei über 400 Zügen überschritten. Die fahren ohne TÜV. Dafür gibt’s zwei Punkte in Flensburg. Bei 400 S-Bahnen sind das 800 Punkte. Wenn die alle dem S-Bahn-Chef Tobias Heinemann zugeschrieben werden, dann kriegt der seinen Führerschein wieder, wenn Madoff aus dem Knast kommt.

Der Grund für die nicht geleisteten Sicherheitscheck war übrigens auch der gleiche wie bei Madoff: Gier. Die Berliner S-Bahn gehört der Deutschen Bahn. Und die hat aus ihrem Tochterunternehmen raus geholt, was ging. Man wollte ja an die Börse. Und wenn die Investoren sehen: Da wird nicht überprüft, da wird Geld gespart für unsere Dividende, sind die happy. Eine alte Bauernregel im Transportgeschäft: Bei Achsbruch geht der DAX hoch.

Natürlich gab es auch Konsequenzen. Der gesamte S-Bahn-Vorstand wurde suspendiert. Die vier Manager, heißt es bei der Bahn, sollen sich jetzt anderen Aufgaben im Unternehmen widmen. Signale wegrationalisieren oder so was. Und er eigentliche Schuldige ist schon vor ein paar Monaten gegangen. Aber für Hartmut Mehdorn gab es keine Konsequenzen, sondern - eine Abfindung. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter



 




Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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