Der Glückwunsch der Woche geht nach Dresden. Dort hat man es endlich geschafft, den Titel „Weltkulturerbe“ abzuschütteln. Drei Jahre hat die Stadt gebraucht, um diesen Makel loszuwerden. Weltkultur war ja schön und gut, aber wer will denn immer nur Erbe sein? Dieses Sekundäre, dieses Alles-in-den-Hintern-geblasen-kriegen-und-nichts-selbst-geschafft-haben, dieser Eindruck von Degeneration, der damit einhergeht - schrecklich! Und bei den Erbenexemplaren, die momentan unterwegs sind - mir fällt kaum eine größere Beleidigung ein, als da dazu gerechnet zu werden: Paris Hilton, Ernst August von Hannover, oder noch schlimmer: die Erben von Willy Brandt. Gerhard Schröder, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping. Der erste treibt’s mit der Russenmafia, der zweite mit Stasi-Schergen, der dritte ist Präsident des Bunds deutscher Radfahrer und treibt’s mit einer Adeligen. Dass Dresden da nicht dazugehören will, das kann man doch verstehen.

Aber in Deutschland wird immer alles gleich skandalisiert. Aberkennung des Weltkulturerbes - ein Desaster!, schreit die Presse. Die
Süddeutsche Zeitung hat sich am Freitag erregt, sogar in der DDR sei der Zwinger wiederaufgebaut worden und - Zitat - „die Schinkel-Oper“. Ich kannte die gar nicht, die berühmte Dresdener Schinkel-Oper. Architektonisch steht die in einer Reihe mit dem Semper-Dom in Köln und dem Brandenburger Tor von Frank Lloyd Wright. Und wenn da jetzt in Dresden eine Wiesenschlösschen-Brücke über die Themse gebaut wird - das ist doch eine Riesensauerei!
Ich finde, man muss auch mal die guten Seiten betrachten. Weltweit hat es bislang nur der Oman geschafft, sich den Titel wieder wegnehmen zu lassen. Dresden hat jetzt also in Europa ein Alleinstellungsmerkmal. Die Jungs vom Stadtmarketing sind hellauf begeistert. Da lassen sich dermaßen hippe Slogans kreieren, Berlin wird aufschreien vor Neid: „Dresden - Enterbt, aber sexy!“ Oder für Amerikaner, die sind ja traditionell gegen alles, was die UNO anzettelt: „Give Dresden A Go / We Fucked The Unesco!“
Das alles ist natürlich auch über die Landesgrenzen hinaus hochinteressant. Noch drei Monate bis zur Bundestagswahl, aber am Dresdener Stadtrat kann man jetzt schon mal beobachten, was eine schwarz-gelbe Koalition so auf die Beine stellt. Bis 2008 war dort ein FDPler Oberbürgermeister, Ingolf Roßberg. Leider musste er sein Amt abgeben, um eine Freiheitsstrafe anzutreten. Im Hinblick auf das Führungspersonal der FDP hoffe ich ja, dass die Dresdener Justiz damit auch bundespolitisch einen Trend setzt. Westerwelle. Da hätte die Kanzlerin in naher Zukunft einen lässigen Spruch: „Wo ist denn Ihr Außenminister, Mr. Obama?“ - „Auf Mauritius. Und Ihrer?“ - „Auf Bewährung.“
In Dresden regiert jetzt Helma Orosz von der CDU. Auch eine glühende Befürworterin der Waldschlösschen-Brücke. Ich stelle mir das so vor: Die stand wohl irgendwann im Elbtal und dachte sich, Mensch, das gehört ja hier mit zu den schönsten Kulturlandschaften in Deutschland - da muss sich doch was dran ändern lassen. Ich hab’s! Da gibt’s doch diese Idee: Wir bauen eine vierspurige Autobrücke von einem fünftklassigen Architekten. Die sieht nicht nur gruselig aus; die Autos machen auch soviel Lärm, dass selbst Blinde was davon haben.
Mittlerweile ragen schon die Pfeiler aus der Elbe. Und bei der Welterbe-Kommission in Paris fragen sie sich: Was war schlimmer für Dresden - die Royal Air Force oder die sächsische CDU? Der Dresdner Baubürgermeister hat bei der Unesco inzwischen einen eigenen Titel: Der Sachse des Bösen.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Momentan wird die gesamte Dresdner Altstadt wiederaufgebaut. Und ich habe den Verdacht, die Stadt Dresden macht das nur zu einem einzigen Zweck: Damit sie, wenn sie fertig ist, noch mehr zum Verschandeln haben. Warten Sie es ab, 2015 hat die Frauenkirche einen Wintergarten. Nicht ärgern lassen!
©
Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
Podcast abonnieren