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    Sonntag, 25. Juni 2017 | 10:45

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 19)

    04.05.2009


    Nicht ärgern lassen

    "Wenn es immer heißt, in Deutschland wird auf Teufel komm’ raus die Kohle subventioniert, dann ist damit momentan nicht der Bergbau gemeint." Woche 19

     

    Ich freue mich ganz besonders, Sie heute zum satirischen Wochenrückblick begrüßen zu dürfen. Ich hatte ernste Zweifel, ob ich überhaupt nach Hessen einreisen dürfte. Ja, ich hab momentan eine leichte Erkältung - und ich wusste ja nicht, ob Roland Koch am Frankfurter Hauptbahnhof bereits Wärmebild-Kameras installiert hat. Im Zug musste ich ein paar Mal husten - ich sage Ihnen, die Leute starren einen an! Ich habe dann mein Handy rausgeholt und so getan, als würde ich telefonieren: „Ja, grade angekommen. Es war super. Mexiko ist so ein faszinierendes Land.“ Dann hatte ich das Abteil für mich.

             

    Das Schicksal meint es aber auch wirklich böse mit uns in diesen Tagen. Schon wieder bedroht eine globale Seuche die Welt. Diesmal sind es Grippeviren. Als würden uns die Banker nicht reichen! Und die Experten warnen: Selbst wenn ein Gegenmittel gefunden wird, die Epidemie kann jederzeit wieder ausbrechen, es muss nur ein einziger Erreger mutieren. Und das ist alles andere als unwahrscheinlich. Nehmen Sie Josef Ackermann. Noch vor drei Monaten hat die Republik durchgeatmet, als er ankündigte, 2010 ist für ihn endgültig Schluss; mit dieser theatralischen Reue, er war Eure Zerknirschtheit, Jupp der Letzte, er hat sogar auf seinen Bonus verzichtet, den er sich 2008 mit den 3,9 Milliarden Verlust der Deutschen Bank eigentlich verdient hatte; und nun, bei der jüngsten Pressekonferenz steht er da wie ein Schwellkörper und prahlt mit 25 Prozent Rendite. Und mimt dann auch noch den Empörling: „Ich weiß nicht“, hat er sich pikiert, „warum man in Deutschland immer Fußball-Weltmeister werden will, aber nicht will, dass eine deutsche Bank um den Weltmeister-Titel mitspielt.“ Das kann ich ihm sagen: Weil uns der Fußball-Titel keine Milliarden und keinen Arbeitsplatz kostet.

    Es war wie immer bei ihm. Er hat vergessen, sich zu bedanken. Das wirft langsam ein unschönes Licht auf sein Elternhaus. So einfache Anstandsregeln, das muss doch möglich sein, das in einer Erziehung zu vermitteln! Selbst wenn einer aus der Schweiz kommt, wo man seit Jahrzehnten alles tut, um Geld vor dem Anstand zu retten. Vielleicht sollte ihm die Deutsche Bank einfach mal so einen Benimmkurs bei der Volkhochschule bezahlen. Die schießen ja jetzt wie die Pilze aus dem Boden, diese Seminare. Speziell für Banker. Mit Themen wie: „Grenzen kennen lernen - Überheblichkeitsabbau in 30 Tagen“. Oder: „Benehmen bei Prozessen“, „Wie bedanke ich mich für Milliarden?“, usw. Da sind nette Sozialpädagogen, die sich auch noch den verwahrlosesten Fällen mit Verständnis nähern: „Josef, ich find’s nicht ok, dass du nicht bedankst. Wir denken da jetzt mal gemeinsam drüber nach - und wenn dann auch denkst, dass es nicht ok ist, dann kannst du den Steuerzahlern ein Dankeschön aus Salzteig backen.“

    Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde es durchaus in Ordnung, Steuern zu zahlen, aber manchmal möchte man doch auch mal, dass das jemand anerkennt. Ich habe mit meinem Steuergroschen immerhin aktiv mitgeholfen, die Pleitebranche, in der Herr Ackermann tätig ist, vor der Verschrottung zu retten. Denn wenn es immer heißt, in Deutschland wird auf Teufel komm’ raus die Kohle subventioniert, dann ist damit momentan nicht der Bergbau gemeint. Ohne die staatliche Unterstützung für die Finanzindustrie hätte Ackermann bei seiner Pressekonferenz zwar vielleicht auch 25% Rendite verkünden können. Aber man hätte ihn nicht gehört. Weil er nicht mal mehr ein Mikro gehabt hätte.

    Wenn wir unsere Zahlungen einstellen, dann werden Pressekonferenzen in Zukunft so ablaufen. Der Vorstandschef in zerlumptem Anzug im improvisierten Konferenzraum eines Discounthotels im Frankfurter Bahnhofsviertel, als einziger Pressevertreter ist ein Volontär eines Lokalsenders gekommen, der noch einen Beitrag für die Rubrik ‚Vermischtes’ braucht, und das Ganze mit dem Handy mitfilmt. Mikrofon ist keines vorhanden, aber die 25% werden trotzdem hochgehalten - aus Salzteig. Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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