• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 10:41

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 17)

    20.04.2009


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Woche 17

     

    Wir haben ja heuer das große Jubiläumsjahr - 20 Jahre Mauerfall. Und mittlerweile ist rausgekommen: Der hatte nicht nur positive Folgen. Durch die Wende sind damals allein zwei Millionen Stasi-Mitarbeiter auf einen Schlag arbeitslos geworden. Wohin mit denen? Eine Million hat die Deutsche Bahn übernommen, der Rest arbeitet bei Lidl.

    Bei Lidl wurde protokolliert, welche Krankheiten die Angestellten hatten. Da gabs Aktennotizen, wie zum Beispiel: „Tumor-Operation, aber gutartig.“ - „Rückenleiden.“ - „Will schwanger werden, Befruchtung hat bislang nicht funktioniert.“ Lidl hat dafür eine stichhaltige Begründung: Die Krankenakten seien nur geführt worden, um die Mitarbeiter ihrer körperlichen Verfassung entsprechend einsetzen zu können. Da stellt sich natürlich die Frage: Wo setzt man in einem Lidl-Markt eine Frau mit unerfülltem Kinderwunsch ein? Ich weiß, was Sie jetzt denken: Am besten unterm Schreibtisch vom Marktleiter. Aber da kniet schon der Hexenschuss.

    Aber es sind ja nicht nur Lidl und die Bahn, die gespitzelt haben. Telekom, Airbus, Aldi, Drogeriemarkt Müller - warum horchen plötzlich alle ihre Mitarbeiter aus? Die Unternehmen sagen: Ja, wen denn sonst? Die Kunden geben ihre Daten ja freiwillig her. Fast 90% der Deutschen haben Kundenkarten. Besser kann man die Leute nicht überwachen. Ich hab’ mich immer gewundert, warum der Schäuble dauernd das Grundgesetz schleifen will. Das Innenministerium sollte einfach Kundenkarten ausgeben. Die nimmt jeder freiwillig, und die speichern alles: Wo Sie einkaufen, wann Sie einkaufen, wie oft, wie viel, und vor allem, meine Damen und Herren, welche Produkte Sie kaufen. D.h. irgendwo sitzt einer vor einem Bildschirm und weiß ganz genau, was für eine kleine Sau Sie sind.

    Und diese Daten werden weitergegeben, an andere Firmen. Es kann Ihnen also passieren, dass Sie irgendwann einen Laden betreten, in dem Sie vorher noch nie waren - und die Angestellten fangen an zu kichern. Oder Sie kriegen plötzlich E-Mails von Unbekannten. „Penisverlängerung.“ Klar, das kennt man: „Wie lange wollen Sie sich noch mit einem kleinen Glied quälen?“ Aber dann steht da: „36 Jahre und 11 Monate sind genug, Herr Tretter.“ Woolworth schickt Ihnen Werbung: „Räumungsverkauf. Die Palette Kondome zu 12,99 - das wär doch was für Sie!“ Am Bahnschalter werden Sie sofort gefragt, ob Sie Schlafwagen wollen. Im Regionalverkehr!

    Nach ein paar Tagen werden Sie richtig paranoid. Irgendwann ruft Ihr Bankberater an, und Sie wollen gleich wieder auflegen, weil Sie schon ahnen, was kommt - da sagt er: „Herr Tretter, Ihr Girokonto, da ist viel zuviel drauf.“ Und plötzlich waren Sie noch nie so froh, dass Ihnen einer nur einen Investmentfond verkaufen will. Normalerweise hätten Sie genervt abgewunken, aber jetzt stimmen Sie freudig zu. Klar, es sind 80 Euro Haben, da muss man doch was mit anfangen. Natürlich, natürlich! „Sie können Ihr Geld doch mal für sich arbeiten lassen“, meint der nette Bankberater, „bevor Sie es wieder für Schweinkram ausgeben!“ Und das alles nur, weil Sie irgendwo mit Ihrer Kundenkarte eine missverständliche Rechnung bezahlt haben - über einmal Eier-Nudeln.

    Also, meine Damen und Herren, schmeißen Sie noch heute Abend all Ihre Karten weg, und belügen Sie in Zukunft das System. Ich mache das. Wenn ich zum Beispiel bei Media-Markt an der Kasse nach meiner Postleitzahl gefragt werde - ich habe mir jetzt extra die Postleitzahl von Anklam in Mecklenburg-Vorpommern raus gesucht; dort liegt die Arbeitslosigkeit bei 30%. Es ist die 17389. 17389. Wenn Sie es mitschreiben wollen: 17389. Ich sag’ das jetzt bei jeder Gelegenheit - und wenn wir alle…an der Kasse diese Postleitzahl sagen, dann baut Mediamarkt dort irgendwann eine Filiale! So bescheißen wir das System und schaffen auch noch Arbeitsplätze im Osten. Und jeder kann daran mitarbeiten. Zumindest inoffiziell. Als inoffizieller Mitarbeiter. Nicht ärgern lassen!


    ©Mathias Tretter






    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007




    Podcast abonnieren




    Gesetzesverrat

    Wenn man, mit stetig wachsendem Staunen, Kopfschütteln & Empörung verfolgt hat, was nach der Selbstanzeige der rechtsradikalen Mördergruppe (NSU) an Versäumnissen, ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Helden fürs Geld

    THOR KUNKEL rät im Endlos-Fall Wulff zu einer Rosskur und erklärt, warum ein Stöpselgroschen den Pluralis Majestatis ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter