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Samstag, 25. März 2017 | 06:57

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 15)

06.04.2009


Nicht ärgern lassen

„Das ist Politik: Barack Obama hat mit Biss verhandelt, und fliegt mit einem Bisschen nach Hause.“ KW 15

 

Jetzt war er also bei uns. Barack Obama. Leicht hatte er es nicht. Will Deutschland besuchen - und landet in Baden-Baden. Einer Stadt, die hauptsächlich dafür bekannt ist, dass sie im neunzehnten Jahrhundert russische Spieler angezogen hat; und die meisten Leute, die jetzt dort wohnen, haben das selber noch miterlebt. Baden-Baden ist die überaltertste Stadt Baden-Württembergs, und ein Großteil der Gäste ist nur dort, weil sie krank sind - also, der passende Ort, um den 60. Geburtstag der Nato zu feiern: Wenn man selber so kurz vor der Rente steht, möchte man ein Umfeld haben, dem es noch schlechter geht.

        

Und ausgerechnet dort findet der Antrittsbesuch von Barack Obama statt. Was hab‘ ich mir die Tage Diskussionen anhören müssen, warum denn nur in Baden-Baden, und nicht in Berlin. „Des is‘ doch logisch. Der erste farbige Präsident - klar fährt der zuerst in den Schwarzwald!“ - „Quatsch! Der muss das Finanzpaket für die USA finanzieren.“ - „Ja, und?“ - „Roulette! Der Dollar ist schwach. Wenn der in der Spielbank nur ein paar Euro gewinnt, und der tauscht die in Dollar um - da hat er das Geld fast drin.“ - „Ihr redet einen solchen Schmarrn! Der ist zur Kur, der Obama. Der macht da Mohrbäder, sozusagen, hehehe.“

Ja, Obama war vorher in London, beim G20-Gipfel. Einen halben Tag mit Sarkozy und Berlusconi in einem Raum - danach braucht man ein paar Anwendungen. Und was hat er erreicht? Hedgefonds sollen kontrolliert werden, aber nur ein bisschen. Managergehälter begrenzt, aber nur ein bisschen. Ländern in Not soll ein bisschen geholfen werden; Steueroasen werden ein bisschen geächtet, und obendrauf gibt’s ein bisschen Konjunkturpakete. Das ist Politik: Er hat mit Biss verhandelt, und fliegt mit einem Bisschen nach Hause. Die Frage ist nur: Wird die Weltwirtschaft überleben? Wahrscheinlich ein bisschen.

Mutig war Obama trotzdem. Er hat sich in London gar nicht an die Kleiderwarnung der britischen Banken gehalten: Kein Anzug, keine Krawatte! Sie kennen diese typischen Empfehlungen für Individualtouristen: „Beim Eintritt in eine Moschee immer die Schuhe ausziehen.“ Die meisten Touristen halten sich daran auch immer. Ist ja kein Problem, wenn man ansonsten sowieso nur eine Badehose anhat, kann man auch mal barfuss laufen.
Und wer momentan in London unterwegs ist, hieß es, der sollte tunlichst auf Anzug und Krawatte verzichten. Man könnte auf ein paar indignierte Kleinaktionäre treffen, die einem mal ordentlich das Portfolio polieren. Auch wenn man selber nur Oberkellner ist.

Ohne Anzug und Krawatte, das nannte man früher casual Friday, auf deutsch soviel wie ‘lässiger Freitag‘. Immer freitags durften die Banker in der Bank die Jeans spazieren tragen, die sie sich in der Woche vorher in Paris hatten schneidern lassen. Und ich hab‘ mir immer gedacht: Was für ein cooler Job, wo man freitags so lässig sein kann! In meinem Beruf, Künstler, da ist ein lässiger Freitag dermaßen bääh: Bis 14 Uhr geht schon mal gleich überhaupt nichts, dann steht man auf, dann ruft auch schon der erste an, und will mit einem ins Café, dann klingelts an der Tür, da stehen drei Freunde mit ein paar Flaschen Wein und einem Fresskorb - ob ich mit zum See komme? Naja, wenns denn sein muss. Dort liegt man dann in der Sonne, isst die Schnittchen, trinkt den Burgunder, schaut ein paar Erstsemester-Studentinnen beim Planschen zu und denkt sich die ganze Zeit: Mensch, jetzt in einer Bank sitzen, mit so coolen Jeans, wäre das fantastisch!!

Durch die Finanzkrise haben wir auch unsere Umwelt ganz aus dem Blick verloren. Dabei hat die Bundesregierung gerade ein bahnbrechendes Gesetz verabschiedet: Kohlendioxid darf in Zukunft unter der Erde gespeichert werden. Man weiß zwar nicht genau, wie es sich auf den Boden auswirkt, aber ob jetzt Häuser einstürzen, weil man eine U-Bahn baut oder Abgase unter die Scholle presst, ist auch zweitrangig. Ich hätte einen Vorschlag: Warum leiten wir das Kohlendioxid nicht erstmal in die Bankentürme? Die werden bald ganz leer sein, und schließlich wurde dort die meiste Kohle verbrannt. Und danach in den Untergrund von Baden-Baden. Dann gibt’s zum hundertsten Geburtstag Sprudelbäder für die Nato. Nicht ärgern lassen!


©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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