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Samstag, 25. März 2017 | 06:57

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 14)

30.03.2009


Nicht ärgern lassen"

"Die Bundesregierung tut für die Autoindustrie, was sie kann. Die Abwrack-Prämie wird verlängert, bis Ende 2009. Im September wird gewählt, die Prämie gibt es also noch, wenn die große Koalition selber schon abgewrackt ist." Woche 14

 

Haben Sie die Schreckensnachricht auch gehört? Ich habe meinen Ohren nicht getraut: Sogar Daimler wird jetzt teilverstaatlicht. Nicht in Deutschland - Steinbrück hätte da gar nicht die nötige Liquidität -, nein, in Abu Dhabi. Ein arabischer Staatsfond ist in das Unternehmen eingestiegen. Das kommt hier bei der Bevölkerung natürlich überhaupt nicht gut an: „Moslems beim Daimler - ich glaub’, ich spinn’!“ - „Wieso? Du hast doch immer gesagt: Schickt den Zetsche in die Wüste.“

        

Mit dem Geld aus Abu Dhabi sollen emissionsneutrale Fahrzeuge entwickelt werden. Das Geld selber stammt aus Ölverkäufen, also von den Kraftstoffherstellern, die es sich wiederum vom Autofahrer holen - so schließt sich der Kreis. D.h. wenn Sie in Zukunft aktiv etwas für den Klimaschutz tun wollen, besorgen Sie sich die größte Benzinschleuder, die Sie kriegen können - am besten so einen Vorkriegs-Chevrolet, bei dem vorzugsweise auch noch die Ölwanne leckt -, und fahren Sie damit, so oft und so viel es geht. Je mehr Sprit Sie verbrauchen, desto besser. Denn dadurch verdient Abu Dhabi mehr Geld, und das kann Daimler dann in die Entwicklung klimafreundlicher Modelle stecken. Das machen wir dreißig Jahre, dann ist die Erde hin, aber wir haben erstklassige Elektroautos.

Aber auch die Bundesregierung tut für die Autoindustrie, was sie kann. Die Abwrack-Prämie wird verlängert, bis Ende 2009. Im September wird gewählt, die Prämie gibt es also noch, wenn die große Koalition selber schon abgewrackt ist.

2500 Euro für jeden Wagen, der älter als neun Jahre ist und verschrottet wird. Böswillige fragen ja, warum nur für Autos? Das ist doch ungerecht! Die Autoindustrie sagt, weil sie so wichtig ist. Deutschland ist ein Autoland. Naja, entgegnen da die Böswilligen, es gibt auch andere wichtige Industriezweige. Maschinenbau, zum Beispiel. Da ist Deutschland am Weltmarkt führend. Oder bei der Herstellung von Gartenzwergen. Oder Bier! Nur die Tschechen konsumieren weltweit mehr Bier als die Deutschen. Das merken Sie, wenn sie deren EU-Präsidentschaft mitverfolgen. So voll kann ein anderer Europäer gar nicht sein.

Trotzdem: Wir sind auch ein Bierland. Und um der Gerechtigkeit willen plädiere ich für eine Austrinkprämie. Jeder der einen Kasten Bier, der älter als neun Wochen ist, innerhalb des angefangenen Kalendermonats leer trinkt, bekommt eine Prämie von 3 Euro 50. Für die Anschaffung eines Neukastens. Was für ein Anreiz! Tschechen, zieht euch warm an! Wir schlucken uns aus der Krise! Und wer wegen der Prämie ein ganzes Kühlhaus leerpichelt, der wrackt auch bald sein Auto ab.

Ich frage mich übrigens: Was ist eigentlich so schlimm daran, dass keine Autos mehr gekauft werden? Es gibt auf dem ganzen Planeten nichts, was mehr Dreck und Lärm macht und mehr Menschen in ein Arschloch verwandelt. Vielleicht kommen die Leute einfach zur Vernunft - gut, ich weiß, Sie haben jetzt hier nicht die Märchenstunde angeklickt, aber es könnte doch sein: Das Zeitalter des Automobils neigt sich dem Ende zu. Und sich mit einer Abwrackprämie dagegen zu stemmen, das hat was von verkniffenem Nostalgikertum. Wie die Typen, die nur Vinylplatten hören. Oder Ostdeutsche, die zuhause riesige Kühltruhen haben, weil sie ausschließlich Broiler von vor ’89 essen. Gegen die Zeitläufte kommt auch eine Regierung nicht an, ohne sich lächerlich zu machen. Was würde man heute über Bismarck sagen, wenn er damals eine Verschrottungsprämie für Pferdefuhrwerke aufgelegt hätte, um die kränkelnde Kutschen-Industrie zu stützen?

Und selbst manchen Autoherstellern ist die Abwrackerei nicht recht. Daimler, zum Beispiel. Wenn alte Spritschlucker verschrottet werden, gehen nämlich die Ölverkäufe zurück. Ergo verdient Abu Dhabi weniger, und dann kriegt Daimler kein Geld für die Entwicklung klimaneutraler Modelle. D.h. wir haben in dreißig Jahren doch keine erstklassigen Elektroautos. Aber die Erde ist noch da. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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