TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 20:22

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 12)

16.03.2009


Nicht ärgern lassen

"Es ist immer die gleiche Frage, die sich nach so einer Katastrophe stellt: Wer schützt diese Gesellschaft eigentlich vor den Journalisten?"

 

Tja, was sagt man beim Rückblick auf eine solche Woche? Es gab wieder genauso viel Lächerliches, wie letzte Woche, wie jede Woche: die Hypo Real Estate braucht wieder zehn Milliarden - die Bundesregierung sollte langsam mal einen Dauerauftrag einrichten; Sarkozy führt Frankreich zurück in die NATO - irgendwie muss es doch einen Weg zur Weltherrschaft geben! Im Prozess gegen den Finanzillusionisten Bernard Madoff ist raus gekommen, dass er seinen Investoren 46% Zinsen versprochen hat - also ‚Opfer‘ kann man die nicht mehr nennen, ‚Deppen‘ ist das Wort der Wahl. Aber über all das mag man diesmal nicht richtig lachen. Sogar der Starkbieranstich am Nockherberg wurde abgesagt: Die Politiker, die dort jährlich durch Kakao gezogen werden, wollten sich nicht beim Lachen filmen lassen. Erst die ‚Tagesschau‘ mit den neuesten Berichten vom Amoklauf, dann ein schenkelklopfender Ministerpräsident - das könnte Stimmen kosten.

        

Wir leben ja in einer Betroffenheitsgesellschaft. Betroffensein ist in der westlichen Welt fast so wichtig wie Shopping. Ein Radiomoderator eines dieser Quatschsender, die man im Supermarkt gezwungen ist zu hören, meinte mit raunender Stimme: „Es gibt jetzt ein Bild von dem Amokläufer. So ein unscheinbarer Junge! Wir haben uns alle täuschen lassen.“ Wir alle, von Rostock bis Garmisch, die wir uns täglich Gedanken machen um die seelische Verfassung schwäbischer Pubertierender! Danach kam ein Jingle für das Super-Mega-Gewinnspiel.

Es sind immer die gleichen Fragen, die sich nach so einer Katastrophe stellen: Wer schützt diese Gesellschaft eigentlich vor den Journalisten? Auf SPIEGEL o­nline konnte man die „Landkarte das Horrors“ anklicken, um die Höhepunkte des Massakers auch noch mal geographisch nachzuvollziehen, unten drunter die Hitliste der schlimmsten Amokläufe der letzten 50 Jahre; die WELT Kompakt - das ist dieses Vademekum des mobilen WELT-Lesers, das immer im Zug ausliegt, weil die Bahn damit zeigen möchte, dass es auch Schlimmeres gibt als Verspätungen -, die WELT Kompakt hat dem Ereignis ganze fünf Seiten gewidmet, unter den Überschriften „Die Tat“, „Die Flucht“, „Das Ende“, „Der Täter“, „Die Folgen“. Früher hieß das „Mein Haus, mein Auto, mein Reitpferd.“ Ich hab‘ reflexhaft nach einer Telefonnummer gesucht, wo man was bestellen kann.

Und dann natürlich die Psychologen - wer schützt uns vor den Psychologen? Jede zweite Zeitung treibt nach so einer Katastrophe innerhalb von Minuten einen Seelen-Experten auf, der eine Diagnose stellt. Vom Täter gibt es zwar nur verschwommene Fotos und eine Aufnahme seines Elternhauses. Aber die mailt die Redaktion dem Therapeuten, der starrt drei Minuten drauf - und dann weiß er, dass der Amokläufer an einer narzisstischen Störung litt. Das war zumindest in der BILD-Zeitung zu lesen. Diese Analyse wurde ursprünglich in Afrika entwickelt. Deswegen mögen viele Afrikaner es nicht, wenn man Fotos von ihnen macht; weil man damit Zugriff auf ihre Seele kriegt. Man nennt die Diagnoseform ‘Voodoo‘.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert jetzt 1600 Schulpsychologen für Baden-Württemberg. Ja, sind die Schüler nicht schon gestraft genug? Der Amokläufer war mehrfach in psychiatrischer Behandlung - eigentlich ist das ein Argument dafür, 1600 Psychologen zu entlassen.

Und wer bitte schützt uns vor den Wichtigtuern, die nach so einer Katastrophe immer sofort Konsequenzen fordern? Der Kommentator der WELT Kompakt schrieb entgeistert, an Flughäfen seien uns Kontrollen selbstverständlich, aber eine Schule könne jeder unkontrolliert betreten. Das hieße, wir bräuchten an jedem Schuleingang einen Metalldetektor, ein Röntgengerät und drei Angestellte. Jetzt gehen die meisten Schüler aber in der Pause zur Bäckerei gegenüber. Also, dort unter der Türglocke auch Metalldetektor, Röntgengerät, drei Angestellte. Mittags fahren sie kollektiv mit dem Bus nachhause - es ist zwar ein bisschen aufwendig, aber was tun wir nicht alles für die Sicherheit unserer Kinder: neben dem Haltestellen-Schild Metalldetektor, Röntgengerät, drei Angestellte. Sicherheitsexperten diskutieren jetzt schon die Frage: Was tun bei einem Klassenausflug? Abiturfahrt: Mit dem Billigflieger nach Rom. Sie kennen die Kontrolle am Flughafen: Metalldetektor, Röntgengerät, drei Angestellte. Aber da kann der Kollegstufen-Betreuer auftrumpfen: Brauchen wir nicht, wir haben unsere eigenen dabei.

Bleibt noch die Frage, warum es Amokläufe in Deutschland erst seit den später Neunziger Jahren gibt, und warum immer an Schulen? Noch nie hat so ein Wahnsinniger in einer Bulettenbraterei um sich geschossen, oder in einem Elektromarkt. Aber bei McDonalds und Saturn stehen überall Fernseher, die durchschnittlich alle sieben Minuten eine Mordszene zeigen. Mord ist das wichtigste TV-Unterhaltungsthema. Klassenzimmer dagegen sind der einzige öffentliche Raum, wo es nicht überall Fernseher gibt. Wahrscheinlich spürt dort deshalb ab und zu einer den Drang, die Szenen selber herzustellen. Nicht zum lachen, aber zum Ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







Podcast abonnieren



Gesetzesverrat

Wenn man, mit stetig wachsendem Staunen, Kopfschütteln & Empörung verfolgt hat, was nach der Selbstanzeige der rechtsradikalen Mördergruppe (NSU) an Versäumnissen, ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Helden fürs Geld

THOR KUNKEL rät im Endlos-Fall Wulff zu einer Rosskur und erklärt, warum ein Stöpselgroschen den Pluralis Majestatis ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter