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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 13:45

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 10)

    02.03.2009


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 10

     

    Der Karneval ist vorbei, das Fasten hat begonnen - und der Aschermittwoch ist traditionell ein Anlass zur Einkehr und Buße. Das wird jedes Jahr in Passau wieder eindrucksvoll vorgeführt, wo unsere christliche Vorzeigepartei den Kopf senkt vor der eigenen Fehlbarkeit. Diesmal allerdings hat der bayerische Ministerpräsident nur achtzig Minuten lang Demut geübt - und er wäre dabei fast kollabiert. Angeblich eine Grippe. Ich habe kurzzeitig sogar Mitleid verspürt: So ein unglückseliges Virus, das sich den Seehofer eingefangen hat!

            

    Aber wenn wir schon mal bei der Selbstgeißelung sind, möchte ich mich nicht ausnehmen. Achtung, jetzt kommt Autoaggression! Jahrelang haben allzu leichtfertige Kabarettisten, zu denen ich mich leider auch zählen muss, eine Bevölkerungsgruppe kollektiv herabgewürdigt, ohne die dieses Land noch weitaus schneller auf dem Kompost landen würde, als durch jede Finanzkrise: die Lehrer. Als was haben wir sie nicht alles geschmäht: als Studien-Unrat, Burn-Out-Beamte mit 20 Stundenwoche, Freistunden-Alkoholiker, Träger von Strickwesten, usw. Ich möchte mich hiermit in aller Form entschuldigen. Und ich widerrufe: Nichts davon ist wahr. Jedenfalls nicht alles. Lehrer sind nicht besser oder schlechter als Versicherungsangestellte, Schreiner oder Tierärzte. Manche sind eben faul, und andere wiederum arbeiten nichts - und trinken tun sowieso alle. Wo der eigentliche soziale Sondermüll sitzt, das haben die letzten Monate gezeigt. Ein ausgebrannter Pädagoge kostet den Staat durchschnittlich 375 000 ¤ (offizielle Zahl des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnen-Verbands). D.h. 1000 ausgebrannte Pädagogen kämen auf 375 Millionen ¤ - das ist immer noch billiger als ein einziger motivierter Banker.

    Trotzdem haben Lehrer das Sozialprestige einer Stinkmorchel. Nicht giftig, aber ungenießbar. Und das muss sich endlich ändern. In den nächsten zehn Jahren werden ein Drittel der Lehrer in Deutschland pensioniert - und da sind die Frühverrentungen noch gar nicht mitgerechnet. Aber Nachschub gibt es kaum. Klar, es will sich ja niemand mit seiner Jobwahl in die soziale Quarantäne verabschieden.

    Annette Schavan - für diejenigen unter Ihnen, die die Rubrik ‚Vermischtes’ nicht lesen: das ist unsere Bundesbildungsministerin - Annette Schavan hat jetzt einen Vorschlag gemacht - genauer gesagt, am letzten Montag, da war noch Karneval -, einen Vorschlag, wie man des Lehrermangels Herr werden könnte: Unternehmen sollen ihre Top-Mitarbeiter für Schulstunden freistellen. Eine Spitzen-Idee! In der Zeit können sie wenigstens keine Milliarden verbaseln.

    Es gibt sogar eine private Initiative für Schulunterricht von Spitzenkräften, unterstützt von der Deutschen Post AG. Gerade die Deutsche Post hat ja Top-Mitarbeiter hervorgebracht, wie wir sie an unseren Schulen schmählich vermissen. Das würde den Stundenplan doch mal ordentlich aufmotzen: Wirtschafts- und Rechtslehre mit Klaus Zumwinkel. In der letzten Reihe sitzt der Bewährungshelfer und schießt mit Papierkügelchen. Ethik mit Heinrich von Pierer. Sozialkunde bei Joseph Ackermann. Der Telekom-Chef macht Blockunterricht Informatik. René ‚das Fallbeil‘ Obermann, gefürchtet für die härteste Abfrage der Mittelstufe: „Jason-Sascha, komm nach vorne! Welche Email-Kontakte hatte dein Sitznachbar in den letzten 48 Stunden?“

    Zu dem Thema gibt’s außerdem ein Begleitreferat von Hartmut Mehdorn. Und wenn der Bahnchef schon mal da ist, kann er gleich noch eine Physikstunde in der Zwölf dranhängen - Relativitätstheorie: die Krümmung der Zeit im deutschen ICE. Das machen wir zwei Jahre, und dann hat sich PISA erledigt. Weil wir zum Test gar nicht mehr zugelassen werden.

    Um das zu verhindern, meine Damen und Herren, brauchen wir jetzt eine Kampagne für den Lehrberuf. Unter dem Motto: Die Nadelstreifen schwächeln - Pädagogen, die neue Elite! Weg von der A14-Besoldung! Stattdessen Grundgehalt, und für jeden Schüler, der versetzt wird, einen Bonus. Dienstmercedes. Bordellbesuche für die Mathe-Fachschaft und Strickwesten aus Kaschmir. Wer ausgebrannt ist, kriegt Abfindungs-Millionen. Wenn dann noch einer BWL studiert, dann kann man nur sagen: Nicht ärgern lassen!



    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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