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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 13:42

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 8)

    16.02.2009


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 8

     

    Der Adel ist wieder da. Irgendwo auf einem bayerischen Stammsitz hat ein Patriarch jetzt mal durchgegriffen - und seinem verzogenen Nachwuchs befohlen: „Karl Theodor, du bist jetzt 37, mach’ wenigstens mal ein Praktikum! Im Wirtschaftsministerium ist grad’was frei.“

            

    Das ist in Bayern das Schöne für Blaublütler, die nicht wissen, wohin mit ihrer Brut: Dass der bayerische Ministerpräsident bestimmt, wer bundesdeutscher Wirtschaftsminister wird. Und Horst Seehofer sucht sich natürlich jemanden aus, der all das mitbringt, was man für dieses Amt braucht: Der Chef des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie muss Franke sein. Das ist die Schlüsselqualifikation. Weil die Franken sauer sind, wenn es ein Oberbayer macht. Ich frage mich, ob die anderen Ministerien auch so besetzt werden: Wie? Ein Hesse ist Verteidigungsminister? Dann muss aber ein Schwabe ins Justizministerium! Da sind dann natürlich die Badener stinkig. Also bekommen die das Innenressort. Wenn der Innenminister allerdings Südbadener ist, haben wir ein Problem mit den Odenwäldern und den Tauberländern. Gut, was solls, zwei Staatssekretärsposten, dann geben die Ruhe. Jetzt ist es nur dumm, dass der Odenwald aufgeteilt ist in Michelstädter und Erbacher. Wie stellt man die zufrieden? Und selbst wenn man Ämter für die finden würde, dann kommen die nächsten und sagen, „Hallo, wir sind bayerische Odenwälder, welches Ministerium kriegen wir?“ Und unter den bayerischen Odenwäldern gibt es eine jahrhundertealte Konkurrenz zwischen jenen, die in Amorbach links von der Hauptstraße wohnen, und denen auf der rechten Seite. Nur ein Links-Amorbacher mit Ministerehren - da holen wir uns einen Bürgerkrieg ins Land! Um es kurz zu machen: Wenn man das CSU-Prinzip der Amtbesetzung konsequent durchführen will, brauchen wir für jeden Einwohner ein Ressort - 82 Millionen Ministerien. Keiner kompetent, aber alle befriedigt.

    Beim neuen Wirtschaftsminister ist zumindest der Name beeindruckend: Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. In der Bundesdruckerei haben sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen: Wie soll man in der Wirtschaftskrise das dem Volk vermitteln? Jetzt werden schon die Banken mit Steuergeldern gerettet; und die Milliarden, die wir noch haben, hauen wir für Visitenkarten raus!

    Wenigstens bei der Kompetenz kann man einen kleinen Fortschritt zugestehen: Freiherr zu Guttenberg ist Jurist. Immerhin. Vorher war der Chef des Wirtschaftsministeriums ein Müllermeister. In der Wirtschaftskrise war das natürlich genau der richtige Mann. Man wusste nur nicht, wofür. Michael Glos hat sich ja bitter beschwert: Angela Merkel sei mit ihm umgegangen, als habe er - Zitat - „von vielen Dingen keine Ahnung.“ Naja… Also, man kann Angela Merkel vieles vorwerfen, aber nicht ihren Realismus.

    Und jetzt also ein Absolvent der Rechtswissenschaften. In seinem ersten größeren Job. Da war die Union ganz stolz drauf: Nein, Herr zu Guttenberg hatte vorher noch keinen vergleichbaren Job; ja, die Wirtschaft steht kurz vor dem finalen Kollaps, aber das kriegt er schon hin, mit ‚learning by doing’.

    Ich bewundere immer das Selbstbewusstsein der Politik. Man stelle sich das in anderen Bereichen vor: In der Medizin. Ein Patient wird mit Herzinfarkt eingeliefert, lebensbedrohliche Symptome - und in der Notaufnahme sagen sie zum Sanitäter: „Ein Herzinfarkt - das ist ja toll! Wir haben da grade einen Famulus aus der Orthopädie, der soll mal ein bisschen üben.“

    Aber zu Guttenberg hat ja auch nur noch ein Jahr. Deshalb lautet die Devise: Franke sein, den Mund halten und grau werden. Das hat bei Michael Glos für drei Jahre gereicht. Und vor allem: Nicht ärgern lassen!


    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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