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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 21:03

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 6)

    02.02.2009


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 6

     

    Ich bin schockiert. Als Kabarettist bin ich einer der besten Kunden der Bahn. An 250 Tagen im Jahr sitze ich im Zug. Das allein verschafft mir jeden Monat dutzendfache Beileidsbekundungen meiner Mitbürger. Menschen hören von meinem Schicksal und wollen spontan helfen: Mitfahrgelegenheiten werden angeboten, Leihwägen, Veranstalter schlagen vor, meinen Kabarettabend per Video-Live-Schaltung auf ihre Bühne zu projizieren: „Nein, Sie müssen nicht persönlich kommen, Herr Tretter, das ist ja niemanden zuzumuten, 80 Kilometer Anfahrt mit der Bahn!“ Ein Milliardär wollte mir sogar seinen Hubschrauber schenken - als ich ihn abholen wollte, war er leider schon gepfändet.

            

    Also schlingere ich weiterhin mit Ersatzzügen durch die Republik. Und als wäre das nicht schlimm genug - was muss ich Mitte letzter Woche erfahren? Ich wurde bespitzelt. Herr Dröpel, mein Lieblingsschaffner auf der Strecke Leipzig-Frankfurt war inoffizieller Mitarbeiter der Deutsche Bahn Aufklärung. IM Achsbruch. Er hat jahrelang Protokolle über meine Trinkgewohnheiten im Bordbistro verfasst. Sie haben ihn gezwungen; ansonsten hätte er für sich und seine Familie die Freikilometer verloren.

    Er ist nur ein Schicksal von 173000. Angeblich um die Korruption zu bekämpfen, sind fast alle Bahnmitarbeiter nachrichtendienstlich behandelt worden. Unter anderem Lokführer - in dem Metier ist ja Bestechung gang und gäbe. Im ICE Hamburg-Berlin geht man gerne mal nach vorne ins Führerhaus und spricht den unterbezahlten Fahrer an: „Ich muss nach Stuttgart. 50 Euro - fährst du mich hin?“

    Ich ziehe meinen Hut vor Hartmut Mehdorn. Nicht nur ist er seit Jahren an der Spitze der deutschen Verhasstheits-Charts, mit Umfragewerten, nach denen sich Josef Ackermann die Finger lecken würde; nicht nur hat er es geschafft, aus einem verschnarchten Staatsbetrieb eine fröhliche Chaos-Klitsche mit variablen Abfahrtszeiten und Durchsagen in Spaß-Englisch zu machen; nein, jetzt ist er auch noch der Mielke des Transportwesens! Man ist richtig gespannt, was noch kommt. Für eine SS-Vergangenheit ist er ja nun leider zu jung. Aber die scheidende französische Justizministerin verschweigt seit Monaten den Vater ihres Kindes - wer weiß?

    Aber genug von solch weltlichem Gewese - bei mir ist grade Sonntag, der Tag des Herrn, und da sollten wir uns fragen: Was macht eigentlich Obama? Eine Woche ist er jetzt im Weißen Haus, und er hat schon mit den Wundern angefangen: Guantanamo wird geschlossen, eine Klimainitiative hat er gestartet, Bonuszahlungen für Manager gegeißelt und dem Iran Gespräche angeboten. Und: Er hat den Anzugzwang im Weißen Haus aufgehoben. Sein neuer Finanzminister hat ihn gefragt, ob er auch im letzten Hemd kommen darf, und er ist einfach barmherzig: „Yes, you can.“

    Und natürlich freigiebig: Zwei Billionen will er noch mal für die Wirtschaft raushauen. Zwei Billionen! Wir sollten schnell mal in Washington anrufen, solange er noch keinen Überblick hat: „Mr Obama, can we have money for our chip-factory Quimonda?“ - „Where is it?“ - „It is in Dresden,…ääh Arizona.“ - „Yes, you..“ - naja, den Rest kennen Sie.

    Ja, auch das Traditionsunternehmen Quimonda steht vor der Pleite, im sogenannten Silicon Saxony bei Dresden. Schon in der DDR waren in der Gegend Elektronik-Firmen angesiedelt. Die SED ließ dort aus Plaste und Spreewaldgurken Mikrochips herstellen. Die Computer, die raus kamen, konnten zwar addieren und subtrahieren, aber hatten die Größe von Eisenhüttenstadt. In den Neunzigern hat das Ganze Siemens übernommen, und den drögen Ossis erstmal gezeigt, wie moderne Unternehmensführung funktioniert. Korruption kannten die ja bis dahin gar nicht. Die Landesregierung hat noch 1,5 Milliarden reingebuttert und schon war das sächsische Chipwunder geboren. Der eine oder andere Halbleiter soll sogar verkauft worden sein. Wahrscheinlich an Lokalpatrioten: „Wir ham Chips von Quimönda gegooft, wir unterstitzn heimsche Produggde - aber, nischt für ungud, sie haben scheiße geschmäggt!“ Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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