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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 07:21

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 3)

    12.01.2009


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 3

     

    Seit dieser Woche wissen wir es: 2009 ist nicht nur das Jubiläumsjahr in Deutschland, das Krisenjahr, das Jahr der dreifachen Konjunktion zwischen Jupiter und Neptun. Es ist auch das Jahr der großen Abtritte. Und da rede ich jetzt gar nicht von der Hessenwahl. Nein, noch neun Tage, dann verlässt uns George W. Bush. Viele werden denken: ein Verlust, den man verschmerzen kann. Intellektuell ist der Mann ist ja eher - wie soll man das nennen? - eine Hohlform. Man kann über Bush sagen, was man will; aber nicht, dass er nicht alle Tassen im Schrank hat. Dazu bräuchte man einen Schrank. Bush hat nur eine Tasse.

            

    Aber die hat immerhin gereicht, dass sie ihn zum Präsidenten gewählt haben. Und plötzlich war die Tasse keine Tasse mehr, sondern so eine Art intellektueller Nachttopf. Jeder in seiner Nähe hat sein geistiges Geschäft da rein gemacht. Am Schluss hat Dick Cheney rumgerührt, das Ergebnis war ein Haufen gequirlter - ich möchte das schlimme Wort so früh am Tag noch nicht in den Mund nehmen. Das heißt…doch! Ich muss es tun: ein Haufen gequirlter Neokonservatismus.

    Und der tritt jetzt ab. Kollektiv. Nicht nur Bush. Ein Neocon nach dem anderen. Weltweit. In Deutschland ist man, wenn es um so was geht, natürlich sehr radikal. Amerikaner lassen sich ja immer noch eine Möglichkeit offen, zurückzukehren. Adolf Merckle hat sich sein Comeback verbaut. Tragisch. Ich glaube ja nicht an Selbstmord. Dieses Sich-einfach-vor-den.Zug-werfen war ein Hilferuf. Der ist nur leider schief gegangen. Hören Sie mal: Sich bei der Deutschen Bahn auf die Gleise zu legen - da ist der Tod durch Erfrieren wahrscheinlicher.

    Einer der amerikanischen Überväter der Neokonservativen hat kurz vor Neujahr ebenfalls den finalen Hopser getan, aber unfreiwillig: Samuel Huntington, der Erfinder des ‘clash of civilisations”, des Kampfs der Kulturen. Huntington meinte, in einer postideologisch verfassten Welt globalisierter Interdependenzen würde sich das Konfliktpotential divergierender Überbaumodelle von polit-ökonomischen auf metaphysische Inhalte transferieren. Und das wurde George W. Bush zugetragen. Gut, nicht ganz so. Seine Berater haben ihr Geschäft verrichtet, und es ihm in seine Sprache übersetzt: “Wir Amis, die Moslems - draufhauen!”

    Die Kritik an Samuel Huntington war immer, dass er die Unterschiede innerhalb der Kulturen übersieht. Ich kann das nur bestätigen, ich komme aus Würzburg. Da ist ‘clash of civilisations’ an jeder Straßenecke. Und da brauchts gar keinen Islam. Würzburg ist eine katholische Beamtenstadt, allein darin sind schon zwei Irrwege der Menschheit enthalten. Dazu kommt eine Universität, d.h. Studenten und Professoren - zwei weitere Gruppen, die kaum zu integrieren sind. Und es gibt eine Polizeischule. Damit sind wir schon bei fünf Parallelgesellschaften. Außerdem ist es die Stadt mit dem größten Frauenanteil in Deutschland - also, es liegt eigentlich permanent Bürgerkrieg in der Luft.

    Und die Universität produziert ja nicht nur Hartz IV-Empfänger, sondern ab und zu auch einen Intellektuellen. Das ist die eine einzige Hoffnung auf Dialog. Denn der Intellektuelle ist vom Würzburger soweit entfernt, dass sie sich im Unendlichen wieder treffen. Ich hab’ es vor kurzem erst wieder erlebt. Ich saß im Café in meiner Heimatstadt, am Nebentisch haben sich zwei Frauen unterhalten. Eine davon hatte sehr viel Erdfarben in der Kleidung; so der Typ naturtrüber Apfelsaft. Sie kennen die: Holzschmuck, flache Schuhe, selbstgepresstes Make-up. Wenn überhaupt ein Geschmeide, dann Deokristall. Also, man merkt schon am Äußeren: Ihr Geist ist vom transzendentalen Passatwind zerzaust. Und ihr gegenüber saß eine offensichtlich geborene Würzburgerin: “Und was macht Ihr an Silvesder?” - “Wir feiern mit Oppositionellen aus Gambia. Und Ihr?” - “Bei uns gibt’s Schinggn im Broddeich. Prost, Abbollonia!” - “Prost, Elsbeth!”

    Ja, Verständigung zwischen Kulturen ist möglich. Das wird George W. Bush natürlich nicht begreifen; er war ja noch nie in Würzburg. Ich wünsche ihm trotzdem alles Gute für seine Heimkehr nach Texas. Er wird sich freuen. Dort kommt er seinem politischen Ideal am nächsten: der tassenlose Gesellschaft. Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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