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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 27. Juni 2017 | 17:49

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 2)

    05.01.2009


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 2

     

    Zuvorderst und mit der gebotenen Ironie: Prost Neujahr und ein frohes 2009!!! Jetzt hat es also begonnen, das Schreckensjahr. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - ich spüre noch nichts. Und ich bin Kabarettist, ich muss mich schon beruflich drum kümmern. Wenn meine Zuschauer ihre Jobs verlieren, dann kürzen sie als erstes mich. Es ist ja kein Engagement mehr da, für Kultur. Kaum einer sagt mal, „Komm! Heute abend spielt der Tretter in der Stadt. Wir verpfänden unser Haus.“ Oder dass man mal fünf Tage nichts isst, um sich die Tickets zu einer Fluxus-Retrospektive leisten zu können - nichts!

            

    Ich bin nach der Silvesternacht aufgewacht - also vorgestern -, und hab’ als erstes gedacht: „Oh Gott, DIE KRISE!!! Ich muss in die Stadt; schauen, ob sie in der Realwirtschaft angekommen ist!“ Hab’ mich angezogen, bin sofort losgerannt. In jeder Straße taumelten mir lemurengleiche Arbeitslose entgegen, aber das ist in Leipzig immer so. Dann kam ich in der Innenstadt an und was soll ich sagen? Die Hälfte der Läden war schon dicht. Wahnsinn!!! Es war nur noch die Frage: Ist das die Krise oder Samstag, neunzehn Uhr?

    Wer hätte das vor einem Jahr gedacht! 2009 war eigentlich als Annus mirabilis für Deutschland geplant: 60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Wiedervereinigung, Sportkegelweltmeisterschaft in Dettenheim - wir wollten feiern. Dazu das Superwahljahr: Bundestagswahlen, Europawahlen, Landtagswahlen im Saarland, in Thüringen, in Sachsen und mindestens drei Hessen-Wahlen. Alles nur noch Makulatur. Und warum? Weil sich in den USA zu viele Hilfsarbeiter 17-Zimmer-Häuser gekauft haben. Weil britische und isländische Banker versucht haben, aus Dreck Geld zu machen.
    Jetzt machen die Notenbanken aus Geld Dreck. Inflation nennt man das. Aber, liebe Briten, Amerikaner, Isländer - wir, wir haben den Euro! Und das ist unsere Chance, aus 2009 doch noch grandioses Jahr zu machen.

    Denken wir doch nur mal zwei Jahrzehnte zurück: Was haben wir nach dem Fall des Eisernen Vorhangs um unsere Urlaubsziele getrauert! Prag, Krakau, der Plattensee. Ich weiß noch, 1988 hab’ ich im Monat 50 Mark Taschengeld gekriegt. Damit sind wir zwei Wochen nach Polen gefahren, haben dort jeden Tag im Restaurant gegessen, jeden Abend Disco, Alkoholmissbrauch und Taxifahrt - und nach den Ferien hatte ich das Geld übrig, fürs neue Tote-Hosen-Album. Es waren goldene Zeiten, und wir waren die verderbtesten Kleinkapitalisten, die die Währungsreform hervorgebracht hat.

    Niemand war vor unseren D-Mark-Stücken sicher. Ansgar, ein Freund von mir, der heute den Gesprächskreis Globalisierungskritische Väter e.V. in Berlin-Friedrichshain leitet, hat im Lokal grundsätzlich die komplette Speisekarte bestellt. Oder U-Bahn-Tickets für 4 Zloty 50, hahaha! - wir haben uns in Warschau für drei Tage ’ne Metro gemietet. Kurz: Wir waren widerliche kleine Devisenköppe.

    Und manchmal sehnt man sich zurück nach der Jugend. Dafür bietet 2009 eine einmalige Gelegenheit. Ich warte noch ein halbes Jahr, dann ist der Dollar ungefähr auf dem Niveau, das der Zloty damals hatte - und dann flieg’ ich in die USA. Flughafen New York, John F. Kennedy, da wird erst mal schwarz getauscht. Dann der Klassiker: Mietwagen, nicht gleich was Übertriebenes, so in der Preisklasse 2 Euro am Tag, einen Aston Martin, oder so was. Rein nach New York - und dann spielen wir mal so richtig Kulturimperialismus. Guggenheim-Museum, den Wärter fragen: „How much is it, mate?“ - „18 Dollars a ticket, Sir.“ - „No, I mean the Kandisky painting over there. I’ll give you…let’s say…1000 Euro for it. Alright?“ - „Thank you so much, Sir. That’s very generous of you.“
    USA, Island, Britische Inseln - das wird der Tourismustrend 2009: Reisen in den Westblock. Fliegen wir, bevor der Zwangsumtausch kommt. Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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