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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 10:43

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 1)

    29.12.2008


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 1

     

    So, das wars dann wieder, Weihnachten. Morgen geht die Umtauscherei los. Ich habe ein Navigationssystem geschenkt gekriegt, von meiner Frau. Sie macht sich Sorgen, weil ich als Kabarettist soviel unterwegs bin: „Und immer mit der Bahn, Mathias! Da sollte man so was dabei haben!“

            

    Ich halte das für Quatsch. Was nützt es mir zu wissen, wo ich stehe? Das weiß ich schon politisch nicht. Und finanziell gleich gar nicht. Da kann ich auf den geographischen Standpunkt auch grade noch verzichten. Und was soll das überhaupt, ein Navi in der Bahn? Ich werde das Ding morgen umtauschen. Gegen einen Verbandskasten.

    Den kann man bei der Bahn nämlich tatsächlich gut gebrauchen. Ich hatte neulich auf einer einzigen ICE-Fahrt einen Personenschaden im Gleis, einen Notarzt-Einsatz an Bord und ein Leberkäsbrötchen aus dem Bistro. Und das alles ohne Zuschlag! Und es kam wirklich die Durchsage, die man aus Katastrophenfilmen kennt: „Ist ein Arzt an Bord, ein Arzt? Bitte in Wagen 27 kommen.“

    Wenn ich da schon einen Verbandskasten gehabt hätte, was hätte ich mich wichtig machen können! Ich wäre in Wagen 27 gelaufen, nein, selbstverständlich nicht gelaufen, sondern geschritten, weit ausgreifend geschritten, in jeder Faser meiner Beinmuskulatur diese Medizinerspannung, die jedem Passanten sofort bewusst macht, dass man gerade wieder den Weg zu einer Lebensrettung zurücklegt, mein gelangweilter Blick hätte gesagt: Ha! Alltag für einen international gefragten Unfallchirurgen wie mich.

    Ich hätte mich mit grävitätischer Miene an den Schaffner gewandt: „Wo ist der Notfall, Zugchef?“ Er hätte hoffnungsvoll gefragt: „Sind Sie Arzt?“ Und ich hätte stolz erwidert: „Nein, aber ich habe einen Verbandskasten!“
    Dann hätten wir uns gemeinsam zu dem Infarktpatienten niedergekniet, und ich hätte ihm einen Druckverband am Knöchel angelegt. Hilft zwar nicht bei Herzstillstand, aber es ist die einzige Rettungsmaßnahme, die ich kann.

    Hauptsache, es wird was getan! Genauso macht es die Bundesregierung mit der Finanzkrise. Laien stolzieren mit einem Verbandskasten durch die Gegend, mit dem sie sich nicht auskennen, und behandeln ein Syndrom, das sich damit nicht behandeln lässt. Angela Merkel legt Druckverbände an, Michael Glos versucht, die Packungsbeilage zu lesen, und Peer Steinbrück ruft: „Mehr Pflaster gibt’s nicht!“

    Dabei wäre jetzt an Weihnachten doch die Gelegenheit gewesen, die dumme Krise aus der Welt zu schaffen. Der Deutsche spendet doch gerne. Es muss ja nicht immer Misereor sein, oder die Johanniter. GoldmanSachs, Freddie Mac und Fannie Mae, KfW statt DAHW - Afrika hat nicht das Monopol auf Barmherzigkeit! Wie hat meine Mutter beim Weihnachtsessen zu meiner Nichte gesagt: „Iss’ deinen Teller leer! Denk’ an die armen Banker in Amerika!“

    Dass wir uns da nicht falsch verstehen - es geht nicht um Almosen an die Finanzwirtschaft. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Und wenn Sie helfen, dann kriegen Sie auch etwas zurück. Es gibt z.B. in den USA alleine 4,7 Millionen leer stehender Neubauten, um die sich niemand kümmert. Die fristen ihr Leben an der Straße. Wenn Sie da helfen wollen, auch schon mit einem geringen Betrag, dann kaufen Sie ein Haus in Florida. Geben Sie einer 30-Zimmer-Villa wieder eine Familie. Die Preise sind die gleichen wie in Brandenburg; aber in Florida haben die Leute Glatzen, weil sie Senioren sind.

    Helfen Sie jetzt, meine Damen und Herren! Vielleicht sehen wir uns dann schon im kommenden Jahr, als Nachbarn in Key West. Wenn nicht, wünsche ich Ihnen natürlich trotzdem ein großartiges 2009. Und auch im Neuen Jahr immer dran denken: Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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