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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 04:31

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 51)

    15.12.2008


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 51

     

    Es gibt seit einiger Zeit beim Ausgehverhalten der Bessergestellten ein Phänomen zu beobachten, hinter dessen Grund ich noch nicht gekommen bin: Der Edel-Italiener hat plötzlich Konkurrenz gekriegt - vom Edel-Griechen. Bisher galten griechische Restaurants ja eher als Fett- und Eiweißlieferant der deutschen Angestelltenfamilie: Fleischgerichte mit Fleischbeilagen und Fleischgetränken; alles andere frittiert. Dazu lud Papa am Freitagabend ein - und bis Montag war die ganze Brut abgefüttert. Ging leider immer nur freitags, weil danach der Atem zwei Tage lang arbeitsplatzgefährdend wirkt.

          

    Mittlerweile trifft man auch C4-Professoren und Immobilienschmierlinge beim Griechen. Die Läden heißen jetzt nicht mehr „Kreta“ oder „Iannis’ Souvlaki-Butze“, sondern „Le Grek“ und „Prometheus Erben“. Als Hauptgericht gibt es immer noch Fleischkaskaden, aber die Teller sind viereckig. Und man kennt den Patron persönlich - Sie kennen diese lautstarke Verkumpelung mit dem ausländischen Gastronomen, mit der der deutsche Mehrverdiener seine polyglotte Persönlichkeit ausstellt: „Stavros, alter Hellene! Machst du uns deine wunderbaren Mezedes? Und viel Skordalia dazu, du weißt schon.“
    Stavros findet das immer ein bisschen seltsam, aber was solls! - mit den Gastro-Duzern verdient er viermal soviel wie mit der Angestelltenfamilie. Jedes Jahr fährt er zu Weihnachten nachhause; und vorher geht er von dem vielen Geld Geschenke-Shoppen in Athens Nobelboutiquen.

    Dieses Jahr nicht. Athens Jugend hat genug von den Edel-Griechen. Gucci auf der einen Seite, 28% Jugendarbeitslosigkeit auf der anderen - da musste was passieren. Also, haben sie in der Fußgängerzone mit Umstrukturierungsmaßnahmen begonnen. Und siehe da: Plötzlich sind viele Geschäfte für jedermann zugänglich. Man muss beim Reingehen halt ein bisschen Acht geben: Nicht in Scherben treten!
    Manche Läden existieren auch gar nicht mehr. Da wurde gezündelt - macht der Grieche ja auch gerne. Im Sommer, wenn einem auf dem Peloponnes so ein Stück Wald im Weg ist, lässt man eben mal ne Zigarette fallen. Jetzt ist Winter, da fliegt die Kippe in ein Schaufenster. Die so genannte Heißsanierung - wenn der Besitzer selber den Brandsatz schmeißt.

    Wir hatten solche Unruhen ja schon mal, vor drei Jahren in Frankreich. Aber Griechenland ist eben der Ursprungsort der abendländischen Philosophie. Und das merkt man auch bei den Krawallen: Griechische Jugendliche sind weitaus intelligenter als französische. Die gehen in die Stadtmitte und zerdeppern die Konsumtempel der Reichen; der französische Vorstadtknallkopf haut sein eigenes Viertel kaputt.

    Der Deutsche wiederum ist ganz anders. Hier ist Revolte eher so Art eine Kesselexplosion. Man wartet lieber ein paar Jahrhunderte, bis der Druck groß genug ist - und macht dann gleich die ganze Welt platt. Aber soweit ist es noch nicht. Wir haben zwar die größte Finanzkrise seit Ende des Tauschhandels, aber was treibt den Deutschen um? Die Pendlerpauschale.
    Die kommt jetzt zurück. Bislang hat der Staat erst ab dem 21. Kilometer den Weg zur Arbeit anerkannt. In Zukunft darf man wieder die ganze Strecke angeben. Die CSU jubiliert. Die Pendlerpauschale - das war ja ihr großes Projekt. Kein Wunder! Beim Auftreten von Huber und Beckstein dachte man immer: Mehr als 20 Kilometer waren die noch nie von zuhause weg.

    In Baden-Württemberg allerdings drohen ebenfalls Krawalle. Hunderttausende Schwaben sind extra 21 Kilometer vom Arbeitsplatz weggezogen - und jetzt das! Der arme Stavros. Da hat er sich schweren Herzens entschieden, dieses Weihnachten in Stuttgart zu shoppen; wenns dumm läuft, lodern auch in der Königstraße die Vuitton-Täschchen. Wobei wahrscheinlich der Schwabe eher plündert, als zündelt. Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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