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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 10:44

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 50)

    08.12.2008


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 50

     

    Noch siebzehn Tage bis Weihnachten, aber ich muss mich jetzt schon vorbereiten. Psychisch. Es wird ja wieder laufen wie jedes Jahr. Am 24. Dezember morgens um 11 Uhr passiert es: Ich wache auf und habe kein Geschenk. Dann dusche ich so schnell wie möglich, gehe in die Stadt und kaufe drei Bücher und drei CDs, von denen ich in den Wochen davor gelesen habe, dass sie gut sein sollen; dann ist es 12 Uhr 30 - und ich habe immer noch kein Geschenk.

          

    Also, damit wir uns da richtig verstehen: Meine Frau ist nicht das Problem. Mit der habe ich schon vor langer Zeit ausgemacht, dass wir uns nichts schenken - und zwar auch an Weihnachten nicht. D.h. ein Blumenstrauß, eine Halskette und drei Tage Paris, dann ist sie zufrieden.

    Nein, schlimm sind die Familienangehörigen. Mutter, Vater, Geschwister, Tanten, Basen, Vettern, Oheime, Schwägerinnen, Großcousins, die einem mit diesem maliziösen überlegenen Lächeln immer genau das schenken, was einem gefällt. Ich frage mich jedes Jahr, woher wissen die das? Allein letztes Weihnachten - ich habe kein einziges verfehltes Geschenk bekommen: 19 Flaschen Wein, 2 Whiskys und eine Karte für eine Sherry-Verkostung. Sogar meine Großmutter, die in der Familie verschrien ist, weil sie grundsätzlich Selbstgemachtes verschenkt - der Rumtopf war super.

    Aber bei mir wird es fünf vor Eins an Heiligabend, und ich hab’ noch nicht mal den Anflug einer Idee. Und auch dann passiert jedes Jahr das Gleiche: Ich gehe nachhause und in mich - und um 17 Uhr fange ich an, Gutscheine zu schreiben.

    Ich nehme mal an, so ist es bei den meisten von Ihnen auch; jedenfalls den Männern. Wer spät dran ist und nicht mehr weiter weiß, der verfasst Präsentprosa. Und dieses Konzept will jetzt auch die Koalition übernehmen. Die Finanzkrise ist der Olymp des Nicht-Weiter-Wissens, spät dran sind sie sowieso immer - was spricht dagegen, Gutscheine rauszuhauen?

    Der Deutsche soll Konsum verschrieben kriegen. Einen 500-Euro-Gutschein für jeden Bundesbürger hat Karl Lauterbach von der SPD vorgeschlagen - Karl Lauterbach, das ist dieser Gesundheitsexperte, der aussieht, als würde er die Fraktions-Theatergruppe leiten: seit 20 Jahren „Feuerzangenbowle“. Der hat einfach Sinn für Humor: 80 Millionen Shopping-Gutscheine unters Volk bringen. Fälschungssicher. Und für jeden nur einmal. Ich sehe die Beamten vor mir, die die verteilen müssen, die Kassiererinnen, die sie wieder einsammeln, die Buchhalter, die sie bilanzieren; drei Berufsgruppen, die für ihren fröhlichen Umgang mit Sonderfällen bundesweit bekannt sind.

    Vierzig Milliarden würde der kleine Geschenkspaß übrigens kosten; ein Taschengeld, verglichen mit dem, was die Banken kriegen. Aber was billig ist, ist der CDU noch lange nicht recht. Die hat diese Woche bei ihrem Parteitag eine ganz andere Maßnahme beschlossen: Grundgesetzänderung. Artikel 22 soll ergänzt werden durch den Satz: „Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch.“ Also Neukölln wäre nicht mehr Bundesrepublik. Und Schwaben auch nicht. Thüringen, Oberpfalz, Rhön, wilde Gegenden, wo sich archaische Ethnien gutturale Stammessprachen zuglucksen. Sachsen! „Immör diggschn hiö; nur Gohglmosch im Nischl!“ - ist das Deutsch? Niederbayern, Friesland, Köln, alle lägen in Zukunft außerhalb des Hoheitsgebiets. Nur im Landkreis Hannover wird anerkanntes Deutsch gesprochen. Aber das ist die Heimat von Gerhard Schröder, also längst russifiziert. D.h. von der Bundesrepublik bliebe nichts übrig. Genau diese Strategie verfolgt Angela Merkel. Das einzige, was sie beim Regieren stört, ist das blöde Land. Wenn das erstmals weg ist, dann kriegt sie auch die Finanzkrise in den Griff. Und zwar ganz ohne Gutscheine. Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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