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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 04:32

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 49)

    01.12.2008


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 49

     

    Ist es nicht herrlich? Schon wieder war erster Advent, letzter Novembertag und ein weiteres Wochenende am Rande der Rezession. Vor der Finanzkrise war der Sonntag ja eher ein Quell der Schwermut. Die Party des Samstagabends schnöde Vergangenheit, der Montag drohte, und davor lag - ein Verwandtschaftsbesuch. Sonntags wurde einem klar, was Sippenhaft eigentlich bedeutet. Besonders in der Adventszeit: Um halb acht morgens am Tage des Herrn riss einen das Telefon aus einem tiefen, wohligen, weltvergessenen, säuglingsgleichen, alkoholumflorten Schlummer: „Hier ist die Oma. Ich hab’ Makronen gebacken!!!“ So jäh können Träume enden. „Ich habe Makronen gebacken“ - nur Großmütter können diesen Satz als Vorwurf formulieren. Da steckte die mögliche Enterbung schon mit drin. Es wäre undenkbar gewesen, die Plätzchen nicht abzuholen. Familientragödien beginnen mit verschmähtem Gebäck. Und also saß man den Nachmittag bei Filterkaffee und Zuckerstückchen in Kleeblattform und sah seine Lebenszeit mit der Dosenmilch in den schwarzen Abgrund tröpfeln.

           

    Nicht so in der Rezession! Oma hat ihre Altersvorsorge bei einem isländischen Fond; seitdem wird nicht mehr gebacken. Plötzlich lieben alle den Sonntag: Keine Börse kann crashen, kein Job verloren werden, kein Umsatz eingebüßt. Kein Kredit wird fällig, niemand braucht Kapital, keine Regierung muss bürgen. Selbst die Rettungspakete bleiben im Regal. Gerade in Bayern, wo ich herkomme, wird der Sonntag ja traditionell ganz hoch gehalten. Gegen den bayerischen Sonntag ist der jüdische Sabbat ein regelloser Freizeitspaß. Er folgt einem uralten, unvergänglichen Ritus: Es beginnt um neun Uhr mit dem Kirchgang. Um zehn Uhr folgt der Frühschoppen. Und nach dem Frühschoppen ist Montag. Seit Jahrtausenden geht das so; und nun weiß ich endlich, warum. Wegen der bayerischen Landesbank. Am Sonntag feiert der Bajuware, dass er für 24 Stunden keine Milliarden auftreiben muss.

    Ich bin ja so froh, dass ich da rechtzeitig abgehauen bin. Bei dem, was die BayernLB jede Woche vom Steuerzahler benötigt - der Freistaat wird bald mit Enteignungen beginnen: „Ihr Reihenhäuschen ist abbezahlt? - Tut uns leid für Sie, wir müssen die Landesbank stützen. Aber keine Sorge, wir haben wunderschöne Auffanglager. In Frankfurt. Leerstehende Bürotürme, ich sage Ihnen, ein Blick! “

    Bayern rast momentan in den Abgrund. Ich bin, wie gesagt, Gottseidank vor zwei Jahren von dort weg und nach Leipzig gezogen. Jüngst hat Bayern die Führung in der PISA-Studie an Sachsen abgegeben - Wohlmeinende stellen da einen Zusammenhang her. Aber in allen Bereichen geht es abwärts: Bayern München, einst die Supermacht unter den Fußballvereinen, wird von einem badischen Kaff-Club in die Vergessenheit gekickt. An Hoffenheim sieht man: Ein dickes Konto alleine reicht im Fußball nicht. Man sollte auch Aktien, Anleihen, Immobilien und Bargeld haben. Uli Hoeneß allerdings kann froh sein, wenn die Allianz-Arena nicht auch noch für die Landesbank draufgeht. Es ist kein Wunder, dass der neue bayerische Ministerpräsident vorher Landwirtschaftsminister war - der Umbau zum Agrarstaat steht kurz bevor: Bayern, das Kosovo der Bundesrepublik.

    Die haben mir ja auch viel Freude bereitet, diese Woche: Unsere Hütchenspieler vom Westbalkan. BND-Mitarbeiter sollen einen Anschlag auf die EU-Vertretung in Pristina verübt haben. Ein Motiv wäre schon da. Angela Merkel ist momentan alles zuzutrauen. Die ist so genervt von Brüssel: „Ich schmeiß ne Bombe auf die EU!“ Sie soll endlich die Steuern senken, um den Konsum anzukurbeln. Wenn sie jetzt die Einkommenssteuer runtersetzt, haben wir mehr Geld zum Shoppen. Und zwar schon im Jahr 2010. Die Kfz-Steuer wird auch ausgesetzt. D.h. der Deutsche wird sich sofort die größtmögliche Klimaschleuder kaufen, damit in die Stadtmitte rasen, und mit der Kohle, die er in zwei Jahren nicht bezahlen muss, die Geschäfte leer konsumieren. Und das wars dann mit der Rezession. Nächsten Sonntag heißt es wieder: „Maddias, die Oma! Ich hab’ Makronen gebacken!!!“ Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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