TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 06:54

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 48)

24.11.2008


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 48

 

Sie haben es alle mitgekriegt: Das Mittelalter kommt einfach nicht aus den Schlagzeilen. Kaum sind wir den Kreuzritter im Weißen Haus los, piesacken uns andere vormoderne Wiedergänger: Piraten und Grabräuber. Die einen entführen Supertanker, die anderen plündern die Gruft des halbseidensten deutschen Milliardärs.

       

Bei Piraten denkt man als durchschnittlich verbildeter Mitteleuropäer natürlich sofort an Johnny Depp, der sich mithilfe von zwanzig Pfund Kajal in Kapitän Jack Sparrow verwandelt; einen Freibeuter, der auch beim Christopher Street Day alles entern könnte. Das waren noch Zeiten: Als der Fluch der Karibik noch aus Make-Up-Fetischisten mit Schulterpapagei bestand. Dem kam irgendwann die Dominkanische Republik dazwischen. Jetzt trägt der Fluch der Karibik Hawaiihemden und stammt aus Bergisch Gladbach. Aber ein Schminkkoffer ist immer noch dabei.

Bei Grabräubern wiederum, da hat man sowas wie Indiana Jones vor Augen; und statt eines Eimers voll Schminke kommt eine Palette Mullbinden zum Einsatz. Ein ganzer Teilbereich der Medizinindustrie würde heute gar nicht mehr existieren, wenn es nicht in jedem Leichenschänder-Film die böse Mumie mit dem Brotmesser gäbe. Das war immer meine Lieblingsfigur des Horrors - ein Zombie, der vom eigenen Kostüm gelähmt wird. Wir kennen das Prinzip aus der Politik: Wenn sich nichts bewegt, sind die Verbände schuld.

Die Fragen, die wir uns diese Woche stellen, lauten also: Sind in somalischen Gewässern nur noch Geschminkte unterwegs? Und: Humpelt Friedrich Karl Flick mullumwickelt um den Wörtersee? Und natürlich: Wie fangen wir die alle ein?

Bei den Piraten wird’s schon wegen der Rechtslage schwierig. Laut deutschem Gesetz dürfen Seeräuber nämlich nur von der Polizei gejagt werden. Die Bundeswehr hat sich da tunlichst rauszuhalten. Jetzt reicht die Marineausstattung der deutschen Polizei nicht unbedingt bis zum Flugzeugträger; da wird mitunter auch noch gerudert. Es gibt also zwei Möglichkeiten. Entweder man sagt: „Na und? Die sollen sich ned so anstell’. Wofür zahl’ ich Steuern? Paddel in die Hand - und ab zum Horn von Afrika!“ - und dann wird ein Wasserschutz-Kanu vom Untermain in den Golf von Aden verlegt. Zugegeben: In der Abschreckung eher schwach, aber man kann auf den Überraschungseffekt bauen. Wenn zwei fränkische Obermeister in die Fahrrinne von so einer Totenkopf-Fregatte paddeln. Dann wird mit der Kelle gewunken: „Führerschein, Fahrzeuchkondrolle. Zeichn Sie bidde mal Ihrn Verbandskasden!“ - „Verbandskasten? Wir Piraten. Mit Mumien wir nix zu tun.“

Oder, zweite Alternative: Das Grundgesetz wird geändert, so dass auch die Bundeswehr Seeräuber jagen darf. Wenn es um Grundgesetzänderungen geht, ist natürlich einer immer sofort zur Stelle: Wolfi Schäuble, des Teufels Admiral. Der sagt, die Sozialdemokraten sind wieder mal schuld, weil sie dagegen sind, dass die Bundeswehr alles darf. Die S-P-D, die Somalische Piraten-Dependance. Sind halt einfach Spielverderber. Was könnte die Bundeswehr nicht alles, wenn man das Grundgesetz schleifte: Nicht nur vor der afrikanischen Küste, auch daheim in Deutschland - Piraten plattmachen, bis der Arzt kommt! Und nicht allein Piraten. Alle Geschminkten: Fußballfans, Technotänzer, Angela Merkel. Oder den Kölner Karneval - das wäre doch mal ein geiler Einsatz für die Infanterie!

Wenn sie nur dürfte, könnte die Bundeswehr sogar die Banken retten. Was braucht man Bürgschaften, wenns Kanonen gibt! Plötzlich liefe die Kreditvergabe wieder ganz reibungslos. „Herr Kemmer, Sie wollen acht Milliarden. Was haben Sie für Sicherheiten?“ - Und dann deutet der Kemmer mal kurz auf den Leopard II vorm Fenster.

Ohne Schützenhilfe allerdings geht auch OPEL den Bach runter. Erst die Finanzinstitute, dann die Automobilhersteller, zuletzt haben die Landwirte mächtig rumgeheult: Wir wollen auch gerettet werden! Wir haben zuviel Milch! Also gibt’s jetzt einen Milchfond.

Ich bin gespannt, wer als nächstes beim Finanzminister andackelt. Vielleicht die Medizinindustrie: Es gibt zuwenig Mumien, keiner kauft mehr unseren Mull! Wir brauchen Garantien vom Staat! Die einzigen, für die die Bundesregierung nicht bürgt, das sind wir. Wir müssen das selber erledigen. Deswegen heißen wir ja auch Bürger. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







Podcast abonnieren



Gesetzesverrat

Wenn man, mit stetig wachsendem Staunen, Kopfschütteln & Empörung verfolgt hat, was nach der Selbstanzeige der rechtsradikalen Mördergruppe (NSU) an Versäumnissen, ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Helden fürs Geld

THOR KUNKEL rät im Endlos-Fall Wulff zu einer Rosskur und erklärt, warum ein Stöpselgroschen den Pluralis Majestatis ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter