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Samstag, 25. März 2017 | 06:56

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 47)

17.11.2008


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 47

 

Sensationelles geschieht in diesen Tagen. Wie am Mittwoch aus Brüssel gemeldet wurde, darf in Europa zukünftig die Gurke wieder krumm sein. Die EU-Kommission hat die Normen zum Krümmungsgrad der Cucumis sativus ersatzlos gestrichen. Ebenso das Knubbeligkeitsverbot für die europäische Möhre, die Straffheitspflicht für Äpfel und die strengen Figurvorschriften für die gemeine Birne.

       

Zitat Mariann Fischer-Boel, ihres Zeichens EU-Agrarkommissarin: „Dies ist ein guter Tag für die krumme Gurke und die knubbelige Karotte.“ Ein Antrag der Grünen-Fraktion, den 12. November zum Feiertag des Gedenkens an die Milliarden gehandicapter Früchte zu erklären, die Opfer der jahrelangen Säuberungen durch die Europäische Union wurden, scheiterte an der Konkurrenz der anderen Feiertage des Novembers. Allerseelen, Allerheiligen, Allergurken - das war dann doch nicht durchzusetzen. Der 1. November muss sich ja an seinem Vorabend ohnehin schon immer heftiger werdenden Übernahmeversuchen durch Kürbisgewächse erwehren: Halloween - das Fest des hohlen Gemüses, das mit Erpressungsversuchen von Haustür zu Haustür zieht.

Der grenzenlose Jubel über die Brüsseler Befreiung des Grünzeugs ist allerdings nicht ungeteilt. Nicolas Sarkozy z.B., ein Verfechter der ganz geraden Gurke, war empört - und mit ihm die gesamte Grande Nation. Eben noch begeht man neunzig Jahre Ende des Ersten Weltkriegs, um schließlich doch wieder von den Krautfressern in die Parade gegurkt zu bekommen. Haben sie nicht schon die ganzen Achtziger und Neunziger Jahre lang einen deutschen Kohl erdulden müssen, der wie eine vorschriftswidrige Birne aussah?

Das stinkt Sarkozy gewaltig: Dass Mitterand und Kohl mit ihrer Versöhnungsgeste in Verdun in die Geschichtsbücher eingegangen sind, während sein Foto immer nur in der „Gala“ auftaucht. Deswegen ist er extra zum Schlachtfeld gefahren, um dort seinen Kranz niederzulegen. Blöd nur, dass diesmal kein deutscher Kanzler zur Hand war; lediglich der deutsche Präsident des EU-Parlaments. Aber sich mit Hans-Gert Pöttering Hand in Hand vor das Beinhaus von Douaumont zu stellen, da reicht die historische Bedeutung grade mal für, nun ja, die „Gala“.

Aber momentan legt der wieder eine Hyperaktivität an den Tag; allein diese Woche: Sarkozy in Verdun, Sarkozy trifft Sakaschwili, Sarkozy mit Medwedew, Sarkozy will Dalai Lama in Polen begegnen, Sarkozy legt Plan für Finanzmärkte vor - so eine kleine französische Bulldogge, die versucht, überall ihre Duftmarken zu hinterlassen. Und alle sind angepisst.

Am meisten Peer Steinbrück. Erst kommt raus, dass er gar nicht mitgekriegt hat, was in seinem Ministerium so gelaufen ist; von der Hypo Real Estate war schon im März klar, dass sie einen halben Staatshaushalt in der Dublin Bay versenken wird - und alle habens gewusst, nur bei Steinbrück war noch irischer Frühling. Gut, verständlich für jemanden, der in der SPD ist. Der hat wirklich andere Sorgen.

Und Steinbrück sowieso. Es reicht ja nicht, dass er mal eben ein paar Dutzend Milliarden für gierkranke Manager raushauen musste; bald kriegen auch noch die anderen Leistungsträger im Land mehr Kohle. Die Beamten sollen in Zukunft nach Leistung bezahlt werden. Hat jetzt der Bundestag beschlossen. Beamte nach Leistung! Da wollten einige Abgeordnete wieder ganz clever sein, die meinten: So kommen wir billig weg.

Von wegen. Bonuszahlungen, das ist ja grad erst schief gegangen! Und einige Manager, die die gekriegt haben, denen ist etwas gelungen, was selbst der schläfrigste Aktenknecht im hintersten Finanzamt der Oberlausitz nicht schaffen wird: negative Leistung. Wenn die nichts getan hätten, wäre ihre volkswirtschaftliche Leistung viel größer gewesen. Man kann nur zittern, wenn jetzt die Beamten Boni kriegen!

Und dann auch noch Sarkozy. Der will das, was die Manager verbockt haben, in Zukunft vom Staat erledigen lassen, also auch von Beamten. Unter seiner Führung. Amtsrat Winzig, da trifft der Name endlich mal. Der Steinbrück ist nur noch am Protestieren: „Nicolas, es ist Saure-Gurken-Zeit. Und wir alle müssen uns krumm legen!“ Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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