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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 07:29

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 46)

    10.11.2008


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 46

     



    Eine historische Woche geht zuende. Sensationell: Möglicherweise wird zum ersten Mal in der Geschichte ein Afro-Amerikaner US-Präsident! Wir müssen nur noch die zweite Auszählung abwarten. Man sollte sich nicht zu früh freuen, mit diesen amerikanischen Wahlmaschinen - bei vielen Computern ist George W. Bush noch im Rennen.

           

    Die Kabarettisten hoffen noch. So einen schweren Verlust hatten wir seit Edmund Stoiber nicht mehr: George W. Bush geht - und Sarah Palin kommt nicht. Man muss den Republikanern im Nachhinein nochmal zu Palin gratulieren: Jemanden zu finden, der noch idiotischer ist als George W. Bush, das war eine Riesenleistung. Die Intelligenz-Skala ist ja nach unten nicht beliebig offen. Geistig unter Bush - da ist man ganz schnell beim Einzeller.
    Aber Palin hat’s geschafft. Hier vielleicht nur eines ihrer berühmten Zitate aus dem Wahlkampf - ich will ja Ihren Tag nicht allzu sehr verdüstern; aber eins muss sein: Mit Außenpolitik kennt sie sich aus, denn sie kann von Alaska aus Russland sehen.

    Die Qualifikation für internationale Beziehungen: Übers Meer kucken können. Gut, wir in Deutschland sollten uns da etwas zurückhalten. Bei uns ist Michael Glos Wirtschaftsminister. Der kennt sich mit Ökonomie aus, denn wenn er von seinem Büro über die Straße kuckt, kann er eine Wirtschaft sehen.

    Aber wie die Zeit vergeht: Zwei Jahre US-Wahlkampf sind schon wieder vorbei. Man wird fast ein bisschen wehmütig. Was haben wir mitgefiebert, bei den Vorwahlen in Vermont! In Maine! In Minnesota! Keiner wusste, wie sie funktionieren oder was sie bedeuten oder wo die Bundesstaaten überhaupt liegen - aber wir haben mitgefiebert! Außerdem hatten wir ja Experten, die uns das amerikanische Wahlsystem erklärt haben. Zum Beispiel die ewig gültige Formel: Wer Ohio nicht gewinnt, kann nicht Präsident werden. Tausend Mal hab ich sie wieder gehört - und jedes Mal gedacht: Warum wählen sie dann nicht nur in Ohio?

    Oder die Tatsache, dass die Wahlmänner, die den Präsidenten wählen, gar nicht wählen dürfen. Die stimmen einfach für den Sieger, dem sie zugefallen sind. In vielen Bundesstaaten steht es sogar unter Strafe, anders zu stimmen. Sie haben also die politische Handlungsfähigkeit von Kartoffelchips. Oder Schlagbohrmaschinen. Statt um Wahlmänner könnten die Kandidaten bei jeder Wahl um etwas anderes kämpfen. Dachziegel. Geranien. FAZ-Abonnements. Und wer die zwanzig Duschvorhänge von Ohio gewinnt, wird Präsident.

    Und dann natürlich noch mein Lieblingsthema: das so genannte Filibuster. Die Demokraten haben im Senat zwar die Mehrheit, aber leider haben sie keine 60 Senatoren-Stimmen erreicht. Damit hätten sie das Filibuster verhindern können. Filibuster, das ist das Verzögern einer Abstimmung durch endlose Reden - die dann mit der Abstimmung auch gar nichts mehr zu tun haben müssen. Klar, da denken Sie jetzt: Na und? Bei uns nennt man das Bundestagsdebatte.
    Aber in den USA wird da mitunter das Telefonbuch vorgelesen, mit Vorwahlen! Ab und zu muss der Senatsfriseur den Pony des Redners schneiden, damit der Blick wieder frei ist.

    Der amerikanische Senat wäre das Traumgremium für Andrea Ypslianti. Wie gerne hätte sie Telefonnummern vorgelesen, um die Abstimmung rauszuzögern! Wollte sie sich doch nochmal mit geborgten Stimmen zur Ministerpräsidentin wählen lassen. Aber wieder ist rausgekommen: Es wird nicht draus - die SPD will sie nicht tolerieren. Drei SPD-Abgeordnete haben einen Tag vor der Abstimmung ihr Gewissen entdeckt. Ganz plötzlich war es da. Soweit sind manche Sozialdemokraten mittlerweile: Sie können es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren, dass Roland Koch die Macht verliert.

    Wenn Politiker so plötzlich moralisch werden, stellt sich unweigerlich die Frage: Hat da jemand nachgeholfen? Die hessische CDU hat ja durchaus Rücklagen; ich denke etwa an Reserven in einem schweiznahen Fürstentum. Die hat noch der ehemalige Bundesinnenminister angelegt. Das wäre für Roland Koch dann sozusagen ein Kanther-Sieg.

    Wie auch immer, in Hessen solls jetzt jedenfalls Neuwahlen geben. Andrea Ypsilanti plädiert dafür, sich dabei an den USA zu orientieren. Mit Wahlmaschinen. Die sind zumindest verlässlicher als SPD-Abgeordnete. Außerdem gilt die ewig gültige Formel: Wer die Mehrheit nicht gewinnt, kann nicht Ministerpräsident werden. Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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