• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 22. Mai 2017 | 19:30

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 44)

    27.10.2008


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 44

     

    Hier ist wieder die wöchentliche Kolumne zur Finanzkrise. Es gibt eine Sensation zu vermelden: Josef Ackermann meinte diese Woche, er würde sich schämen. Bislang hieß es ja immer nur, er sollte sich schämen. Aber das 500-Milliarden-Angebot der Bundesregierung hat jetzt wenigstens zu einer kleinen grammatischen Verschiebung geführt: Nein, er würde sich schämen, hat er zugestanden; hat es jedoch an eine Bedingung geknüpft, und zwar: wenn seine Bank Staatsgeld annähme, dann würde er sich schämen. Das hat natürlich zu großem Geschrei im gesamten Pleite-Umfeld geführt. Damit hat Ackermann eine Kategorie in die Diskussion eingebracht, die bislang in der Wirtschaft gänzlich unbekannt war: Scham. Ein Vorstandsvorsitzender und ‚sich schämen’ - in der Germanistik nennt man das ein Oxymoron. So wie ‚schwarze Milch’, ‚stummer Schrei’, ‚sympathischer FDPler’ oder ‚Papst auf Freiersfüßen’. Kürzlich habe ich jemanden am Nebentisch beim Griechen sagen hören: „Mein Lamm hammelt wie Sau, ich muss gleich reihern.“ Solche Sachen. Oxymora. Dinge, die sich eigentlich ausschließen, aber aufgrund einer Ausnahmesituation in einen Satz zusammen gezwungen werden.

            

    Bankmanager und Verantwortung, zum Beispiel. Auch ein ganz neues Trend-Oxymoron. Es sollen doch tatsächlich Bankrotteure, für das Desaster, das sie angerichtet haben, haftbar gemacht werden - und jetzt kommts: ohne dass sie an dieser Haftung verdienen! Bislang hat man Manager ja immer mit einer Abfindung über die eigene Inkompetenz hinweggetröstet. Vorbei! Sogar von Rückzahlungen ist die Rede. Sowas gabs noch nie!

    Einer hat schon gelöhnt: Claus Momburg von der IKB-Bank hat 558 000 Euro zurückgezahlt. Die Rettung der IKB kostet den Staat zirka 7,3 Milliarden Euro. Ein 13.000stel davon hat Momburg nun erstattet. Jupieeh! Das könnte eine Richtgröße werden, auch für andere Schadensersatzforderungen. Man fährt den Benz des Nachbarn zu Schanden, Schaden: 5.000 Euro, Rückerstattung: 38 Cent. Das braucht man nicht mal der Versicherung zu melden - die ist eh pleite.

    Wer natürlich einen höheren Preis bezahlt hat, ist Erwin Huber. Absolute Mehrheit weg, CSU-Vorsitz weg, Finanzministerium weg - es fehlt eigentlich nur noch, dass Niederbayern von Thüringen annektiert wird. Dabei, sagt er, er hat von nichts gewusst. Und ich glaube ihm das. Schauen Sie sich den Mann an: Dem muss man Nichtwissen einfach abnehmen. Sein Führungszwilling Günter Beckstein wiederum ist der Mann des Nichtkönnens, Edmund Stoiber der des Nichtformulierens, Nicht-nach-Berlins, Nicht-Kanzler-werdens und Nicht-drüber-wegkommens, der kommende Ministerpräsident Horst Seehofer der des Nicht-klein-zu-kriegens. Es ist kein Wunder, dass viele CSUler bei der letzten Wahl Nichtwähler waren.

    Scham und Verantwortung haben sich diese Woche übrigens auch in einen Bereich eingeschlichen, in dem man sie noch weniger kannte, als in der Wirtschaft: Ins Fernsehen, den größten Hersteller von Schamlosigkeit überhaupt. Elke Heidenreich schämt sich für das ZDF! Seit fünf Jahren moderiert sie für den Sender, und jetzt hat sie von Marcel Reich-Ranicki erfahren, für wen sie da eigentlich arbeitet. Sie dachte bislang, sie ist in einem akademischen Spartenprogramm, wo sie sich mit internationalen Topgermanisten wie Campino aus der literaturwissenschaftlichen Kaderschmiede der Toten Hosen über neu erschienene Avantgarde-Poesie austauscht. Und nun ist der Schwindel aufgeflogen! Ackert sie doch tatsächlich für die gleiche Klitsche, die dem menschlichen Geist auch Kerner, den Landarzt und den Grandprix der Volksmusik zumutet!

    Und für die Erkenntnis macht das ZDF sie verantwortlich. Rausschmiss! Am Buchmarkt ist jetzt auch Panik. Wenn die Heidenreich weg ist, werden zwar nicht weniger Romane gelesen, aber viel weniger gekauft. Die großen deutschen Verleger haben sofort einen offenen Bitt-Brief an das ZDF formuliert. So weltfremd sind diese Intellektuellen! Es weiß doch jeder, Hilfegesuche richtet man heute an den Finanzminister. Der hat dafür immer ein offenes Ohr. Die eine oder andere Milliarde wird schon noch abfallen. Und wenn die Verlage tatsächlich Millionenverluste machen, wegen Heidenreichs Entlassung, dann kann das ZDF ja immer noch Schadensersatz zahlen. 1.800 Euro - das übliche 13.000stel. Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







    Podcast abonnieren

    Gesetzesverrat

    Wenn man, mit stetig wachsendem Staunen, Kopfschütteln & Empörung verfolgt hat, was nach der Selbstanzeige der rechtsradikalen Mördergruppe (NSU) an Versäumnissen, ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Helden fürs Geld

    THOR KUNKEL rät im Endlos-Fall Wulff zu einer Rosskur und erklärt, warum ein Stöpselgroschen den Pluralis Majestatis ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter