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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 22. Mai 2017 | 19:29

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 43)

    20.10.2008


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 43

     

    Das Wort der Woche lautete: Crash. Überall krachts. Peer Steinbrück zerlegt den Bundeshaushalt, Silvio Berlusconi ein Redner-Pult vor dem Weißen Haus, Jörg Haider seinen Volkswagen und sich selbst. Haider war der einzige, der dabei betrunken war. Und zweiundsiebzig Stundenkilometer zu schnell - Entschuldigung, grade ein Österreicher müsste es doch wissen: Wenn Rechte in Raserei geraten, gibt’ s immer Tote. Der Kärntner König der Herzen ist einfach so von uns gegangen. Es hat sich leider auch keiner gefunden, der im Stephansdom für ihn singen wollte: ‚Like a strudl in the wind’. Mittlerweile steht er wahrscheinlich schon vorm Himmelstor, und ist in einer Situation, mit der er sich auskennt: Er will rein, aber hat keine Aufenthaltsgenehmigung. Davor kreisen Demonstranten von der FPÖ, mit großen Schildern: „Österreich den Österreichern“, „Deutschland den Deutschen“, „Der Himmel den Himmlers“.

                   

    Hätten Sie doch Berlusconi gefragt, den Abschiedssong für Haider zu knödeln - der Operetten-Duce hätte sich nicht lange bitten lassen. Für seine amici tut er doch tutto. Jetzt war er in Washington, beim Kuscheln mit George W. Flirting with desaster, nennt man das in den USA. Die haben so aneinander rumgespielt - in mehreren amerikanischen Bundesstaaten mussten die Fernsehbilder zensiert werden. Und dann zerdeppert Berlusconi das Rednerpult. Aber George W. hats leicht genommen: Was solls! War sowieso ne Hypothek drauf.

    An dieser Stelle gleich der wöchentliche Spielstand in der Finanzkrise. Es bleibt vorerst beim 500 Milliarden-Paket der Bundesregierung; allerdings sollen die Länder jetzt mit 7,7 Milliarden beteiligt werden. Peanuts, hätten Banker früher dazu gesagt - aber das war in Zeiten, als sie Geld noch ernst genommen haben. Heute sagen sie: Was?? 7,7 Milliarden - die kann man an einem Nachmittag verzocken. So hoch greift heute keiner mehr mit Vergleichen: Peanuts - Erdnüsse - könnten als Zahlungsmittel bald gängiger werden, als der Euro. Ich weiß ja nicht, ob Sie auch schon aktiv geworden sind, ich richte mich bereits auf die kommende Tauschwirtschaft ein. Ich habe natürlich das besondere Glück, dass ich vor einiger Zeit nach Ostdeutschland gezogen bin: Die Leute dort kennen sich aus. Ich muss nur auf Ratschläge meiner Nachbarn hören. Ich habe mein Konto leer geräumt und für das Geld Dachziegel, Rauhfaser-Tapeten und Bautzener Senf gekauft. Lagert jetzt in meinem Keller, neben dem 3000-Liter-Tank Diesel. Jetzt kann die Inflation kommen! Kleiner Tipp: Das Diesel habe ich zum Teil in Bierflaschen umgefüllt - damit war ich an bayerischen ARAL-Tankstellen letzte Woche schon der Abräumer.

    Falls Sie Ihr Geld noch eine Zeit auf dem Konto belassen wollen, machen Sie sich keine Gedanken. Der Staat bürgt für unsere Spareinlagen. Der Staat, das sind in einer Demokratie, glaube ich, ähm, wir. D.h. wir bürgen mit unserem Geld für unser Geld. Da kann ja gar nichts schief gehen.
    Außerdem hat Angela Merkel eine schlagkräftige Task Force zur Überwindung der Finanzkrise zusammengestellt. Sie hat Hans Tietmeyer als Vorsitzenden der Expertenkommission angefragt. Zu schade, dass Tietmeyer absagen musste. Der Mann saß im Aufsichtsrat der Hypo Real Estate, für die die Bundesregierung mit 50 Milliarden bürgt. D.h. wäre er Chef dieser Kommission geworden, hätte er sich selbst verstaatlichen müssen. Das hätte ich so gerne gesehen: Der größtanzunehmende Laissez-faire-Kapitalist macht sich zum Brigadeleiter im volkseigenen Betrieb. VEB Hypo Reale Platte.

    Übrigens sehr weiterzuempfehlen, diese neue Alternative, wenn Sie pleite sind: Lassen Sie sich verstaatlichen! Einfach beim Finanzminister anrufen: Hey, Steinbrück, ich gehör’ jetzt euch.
    Macht der, bleibt ja alles in der Familie. Dann kriegen Sie wieder Kredit, den können Sie sinnvoll anlegen - in einen Seychellen-Urlaub, zum Beispiel. Gut, irgendwann werden wir für das alles bezahlen müssen. Aber wenn uns dann der Preis präsentiert wird, dann können wir immer noch so reagieren, wie der klügste Mensch der vergangenen Woche, Marcel Reich-Ranicki: „Ich nehme diesen Preis nicht an.“ Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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