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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 21:03

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 42)

    13.10.2008



    TITEL hat mir freundlicherweise kurzfristig diese Kolumne zur Verfügung gestellt, die üblicherweise - wie ich informiert wurde - dem allwöchentlichen Polit-Amusement eines Herrn Tretter dient. Belustigung scheint mir jedoch in der augenblicklichen Situation alles andere als angebracht.

     

    Ich möchte hier auf eine Bevölkerungsgruppe aufmerksam machen, der es in Deutschland von Jahr zu Jahr immer schlechter geht, ohne dass die Gesellschaft Notiz davon nimmt. Gegenüber Elend hat sich ja hierzulande eine Ignoranz breit gemacht, die man nicht anders als skandalös nennen kann. Es gibt in diesem Land Menschen - jeder von Ihnen wird einen kennen -, die komplett heraus gefallen sind, aus dem sozialen Gefüge, und niemand kümmert sich mehr um sie, schon gar nicht der Staat. Sie wissen wahrscheinlich schon, von wem ich rede, meine Damen und Herren - es geht um die so genannten Spitzenmanager.

             


    Ich spreche aus bitterer Erfahrung. Ich selbst arbeite im Vorstand eines DAX-gelisteten Konzerns - Namen tun hier nichts zur Sache, Automobilindustrie. Das muss genügen. Und als ich heute morgen aus Wolfsburg hierher geflogen bin, da ist es mir wieder aufgefallen: Menschen wie ich sind ja neuerdings für diese Gesellschaft so etwas wie der Abschaum.

    Die Leute erkennen uns sofort. Ich steige morgens, ganz normal gekleidet, aus meiner S-Klasse, winke dem Chauffeur noch freundlich nach - und spüre sofort die Verachtung. Ich frage mich, woran sehen die das? Vielleicht sollte ich die Financial Times in die Tasche packen.

    Ich habe mich weiß Gott immer wieder bemüht, akzeptiert zu werden. Ein Beispiel: Ich habe kürzlich eine unserer neuen Reinigungskräfte, Frau ähm…Dings, zum Diner eingeladen Ganz standesgemäß: ‚Sportgaststätte 09’. Die größte Schnitzelauswahl der Stadt. Wir hatten eine nette Unterhaltung, im Rahmen ihrer intellektuellen Möglichkeiten. Hochinteressant, was man über den Arbeitsbereich dieser Menschen erfährt. Ich gehe jetzt bewusster zur Toilette. Alles war wunderbar. Aber dann habe ich sie gefragt: „Na, Frau…., wollen Sie zum Abschluss einen Digestif mit mir nehmen?“ - Sagt die zu mir: „Sie Schwein!“ Und das wars dann. Was kann ich dafür, dass auch bei dieser Frau die Hauptschule versagt hat?

    Leistungsfähigkeit ist ein Makel, den du in dieser Gesellschaft nicht wieder loswirst. Sogar Stadtstreicher werden mit mehr Respekt behandelt, als wir. Wenn ein Penner am Boden liegt, wird er dort liegen gelassen. Wenn wir ganz unten sind, schleift man uns durch den Blätterwald und stellt uns an den Pranger.

    Ich möchte in diesem Zusammenhang einen Mann erwähnen, ohne den das Überleben unseres Sozialsystems schlicht nicht denkbar wäre. Dank seiner Weitsicht können sich Sozialhilfeempfänger auch Konzerte, Kino, Kabarett leisten. Ich spreche von Peter Hartz. Was hat dieser Mann für diese Gesellschaft geleistet! Und dann gönnt man ihm nicht mal die paar Freistöße im Puff! Hartz und seine Mitarbeiter, meine Damen und Herren, das sind die Leistungsträger, das ist Elite. Wenn jemand den Staat retten kann, dann sind es diese Leute. Ja, sollen die sich auch noch mit trivialem Testosteron rumschlagen?!

    Uns wird immer vorgeworfen, wir seien gierig. Mit Verlaub, ebenso könnte man einen Pianisten dafür verurteilen, dass er musikalisch ist. Gier ist in einer Marktwirtschaft allererste Bürgerpflicht. Wie sollte man denn Wachstum schaffen, ohne Gier? Alle sitzen zuhause und sind zufrieden mit dem, was sie haben - das wäre der Super-GAU! Schlimmer: Das wäre Buddhismus!! Und schauen Sie sich an, wie weit es buddhistische Länder gebracht haben: Tibet. Die tibetische Ökonomie erwirtschaftet im Jahr 3 Milliarden Euro - soviel geben wir jährlich allein für Betriebsräte aus.

    Aber ohne Gier wäre das auch Deutschlands Zukunft. Gier ist die essentielle Voraussetzung für Wachstum, Wachstum für Marktwirtschaft, und Marktwirtschaft für Demokratie. Die einzigen, die in Tibet adäquate Gierreserven mobilisieren, sind die Chinesen. Mit anderen Worten: China ist Tibets letzte Hoffnung auf Demokratie. Und wir, meine Kollegen und ich, sind Deutschlands größter Garant dafür. Aber weder China noch uns wird es gedankt.

    Ich möchte diesbezüglich noch ein Wort verlieren über den Herrn, der normalerweise an dieser Stelle schreibt. Dessen einzige Aufgabe ist es, wöchentlich eine Seite mit Scherzen zu füllen - das muss man sich vorstellen: Eine Wochenarbeitszeit von zwanzig Minuten! Der kann alles kritisieren, ohne irgendetwas zu tun - und wird dafür beklatscht. Wir können tun, was wir wollen, und werden für alles kritisiert. Er leistet sich Witze über Politiker - und wird dafür beklatscht. Wir müssen uns jeden Tag mit Glos, Steinbrück, Gabriel arrangieren. Da kommt so ein Kasper, macht sich über alle lustig, und die Leute bezahlen den auch noch. Ich sage Ihnen: Dieser Mann ist für mich das Top-Beispiel für das Missverhältnis von Leistung und Ansehen in unserer Gesellschaft. Bevor Sie nächste Woche wieder hier vorbeischauen, fragen Sie sich, ob Sie die fünf Minuten, die Sie mit diesem Herrn Tretter verbringen, nicht sinnvoller investieren könnten. In einen unserer Aktienfonds, beispielsweise. Ich danke Ihnen.









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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