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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 07:25

     

    Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 40)

    29.09.2008


    Nicht ärgern lassen

    Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 40

     

    Das war vielleicht unerfreulich, diese Woche. Ich laufe in Frankfurt aus dem Bahnhof - dieses Viertel ist ja mittlerweile so was von runtergekommen. Früher waren da nur Junkies, die einen angebettelt haben. Jetzt sinds Investmentbanker! Bäääh! Quatscht mich da so ein Typ im Brioni-Anzug an: „Ich grüße Sie. Hätten Sie eventuell einen Euro?“

                     

    Ich hab’ natürlich gesagt: „Selbstverständlich - nicht! Ich bin doch kein Wohlfahrtsverband. Mehr Eigenverantwortung, junger Mann! Sehen Sie, Sie zu unterstützen, wäre ein falsches Signal. Wenn diese Gesellschaft bestehen will, dann müssen wir uns an den Stärksten orientieren, nicht an den Schwächsten. In der Globalisierung können wir es uns nicht leisten, Rücksicht auf Versager zu nehmen. Wir waren lange genug ein Päppelreservat für Minderleister. Wir müssen die fördern, die Werte schaffen. Wir brauchen wieder Eliten. Nur die Leistungsträger machen unser Land fit für die Zukunft. Den Besten muss man das Beste bieten, aber das kann nicht Standard für alle sein. Wo es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben.“

    Ja, ich bin so ein bisschen ins Reden gekommen. Das ist ja eigentlich sonst nicht so meine Art, aber wenn einem schon mal jemand zuhört... Ich hab ihm dann auch ein paar Tipps gegeben; man hilft ja, wo man kann. „Wie wäre es mit etwas Flexibilität, junger Mann? Ja zu Veränderungen Im weltweiten Wettbewerb muss man sich neuen Situationen jederzeit anpassen können. Routine ist der Tod der Zukunft. Wer heute von gestern ist, ist morgen Geschichte. Und Geschichte kommt in Deutschland gar nicht gut an. Sagen Sie selber: Soll ich mit einem Euro Ihren Stillstand auch noch alimentieren? Das wollen wir doch beide nicht.
    Und, entschuldigen Sie, wo ist eigentlich Ihr Networking? Sie sind der vierte Investmentbanker, den ich auf dieser U-Bahn-Treppe liegen sehe - da frage ich mich doch: Warum schimmeln Sie alle einzeln hier rum? Sie haben doch die gleiche Unique Selling Proposition: Sie sind pleite, und Sie sind im Rest der Gesellschaft so beliebt wie Salmonellen. D.h. Sie können ein Netzwerk bilden. Synergieeffekte! Setzen Sie sich zu viert hierher und betteln Sie zu viert. So werden Sie auch nichts bekommen; aber wenn man Nichts durch vier teilt, dann hat jeder weniger Nichts. D.h. mehr. Wirtschaftsmathematik, erstes Semester. Ja, junger Mann, ich bin auch nicht auf der Wassersuppe dahergeschwommen.

    Und jetzt stehen Sie endlich auf! Was Sie als erstes brauchen, ist Mobilität. Ohne die geht heute gar nichts mehr. New York, London, Shanghai. Bahnhof, Parkbank, Stehausschank - Hauptsache mobil!

    Wie bitte? Der Staat? Ach, jetzt kommen Sie. Der Staat greift schon viel zu viel ein. Wir haben hier einen Hartz-Sozialismus, der Chinese lacht uns aus. Wenn wir die Abgaben nicht senken, dann wird der Standort Deutschland verdampfen. Und wir wissen doch beide: Staatliche Unterstützung mindert die Bereitschaft zu regulärer Arbeit. Wenn Sie jetzt Hartz IV bekommen, junger Mann, dann lümmeln sie nächsten Monat immer noch hier. Von Hartz IV kann man seinen Brioni-Anzug dreimal monatlich reinigen lassen. Das hat kürzlich erst ein Chemnitzer Wirtschaftsprofessor ausgerechnet. Und dann bleiben Ihnen noch 96 Euro zum Essen. Das sind 80 Garnelen. Und Eiweiß macht doch so träge. Also, suchen Sie sich Arbeit. Wer Arbeit will, der findet auch welche. Wer sich wäscht und rasiert, erst recht. Da haben Sie ja ganz gute Chancen. Los jetzt!“

    Und dann ist der tatsächlich losgegangen. Und gestern les’ ich in der Zeitung, wohin er sich getrollt hat. Zum Finanzminister. Auf die Idee bin ich natürlich nicht gekommen. Natürlich, der Finanzminister! Der sitzt ja auf einem Riesensack Geld, weil er den anderen Ministerien nie was abgibt. Bildung, Gesundheit, Entwicklungshilfe - die kriegen ja nichts. Bei dem hat der Investmentbanker angeklopft: „Sorry, ich komme von der KfW. Hier ist mein Überweisungsschein. Können Sie mich kurieren?“ Kosten: 320 Millionen Euro. So hat er doch noch mein Geld gekriegt. Aber nicht einen Euro, sondern zehn. Wie von jedem anderen Steuerzahler. Und er musste sich nicht mal bei mir bedanken. Nicht ärgern lassen!

    ©Mathias Tretter









    Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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