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Kennzeichen BÄH! - 14.07.2012

14.07.2012

Pipifex Kaximus, hihi

Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland und anderswo eine Gattung Mann, wie sie die Evolution bis dato angeblich nicht gekannt hat: die so genannten »Neuen Väter«. Männer also, die ihren Nachwuchs weder als Unfall noch als genetische Stammeinlage begreifen, ja, die mitunter sogar Interesse für dessen beschränkte Äußerungen zeigen. Das weibische Feuilleton hat als Ursache für diese Weicheierei einen neuen maskulinen Gefühlshaushalt irgendwo zwischen Metrosexualität und Männerkochkursen ausgemacht, und damit wie immer hilflos verkannt, worum es eigentlich geht.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Lassen Sie es sich von einem Mann sagen, der in der kommenden Woche in das dritte Jahr seiner Vaterschaft geht: Was uns Granitkerle zu liebesblöden Erzeugern macht, ist zuallererst – der Pipi-Kacka-Witz!

 

Jahre, manchmal Jahrzehnte haben wir Männer damit verbracht, die uns gemäße Koprolalie aus unserer Konversation zu schubsen.  Wie oft hätten wir in Gesprächen am liebsten kurz mal »Strullipopofurzischeiß!« gerufen – aber was kam stattdessen aus unserem Mund? »Ja, ich will.«

 

Und plötzlich ist da ein Wesen, das unsere Leidenschaft teilt! Das nicht »Guten Morgen!« sagt, und »Hast Du gut geschlafen?«, sondern »KACKAWURST!!!« – mit drei Ausrufezeichen. Wem würde sich da nicht das väterliche Herz verflüssigen?

 

Nun ist Vater werden in einem Land mit 40 Prozent Single-Haushalten natürlich nicht ganz einfach. Und Sex haben muss man ja auch noch. Deshalb gibt es die »Titanic«. Für viele ist das drollige Frankfurter Monatsblatt bloß ein Satiremagazin, für den alleinstehenden Mann allerdings ersetzt es das Kleinkind in der Bude.

 

Mehr Fäkalspaß hats in keiner Kita; in der neuesten Ausgabe sogar Pipi und Kacka! Auf dem Titelblatt sieht man den Papst mit vorne vollgepullerter Soutane – und hinten, hihi, auch noch vollgestinkert! So richtig schön kindereklig: Ein brauner Fleck auf dem Ornat – das ist eine Vorstellung vom Heiligen Stuhl, die man nicht haben will. Dazu der Schriftzug: »Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!«  Ja, ich weiß, meine Damen und Herren, selbst ich als Komiker, also wirklich, Satire hin, Kunst her, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber bei so was, nee, da muss auch ich sagen  – ich hab’ zehn Minuten gelacht.

 

Und gar nicht über die »Titanic«.  Im Zweifelsfall ist die katholische Kirche immer der größere Brüller. Der Vatikan weiß einfach am besten, was wir Männer wollen. Nur ein Pipi-Kacka-Titelblatt mit Oberhirte, das wäre uns dann doch zu platt. Spaß machts erst, wenn auch Rom mitmischt. Und das tut es: Die Kurie hat gegen die Kleinkindwitze doch tatsächlich eine einstweilige Verfügung erwirkt! Auf Anweisung von ganz oben – in nomine patris sozusagen.

 

Glückwunsch dazu und dreimal schmissig »Hosianna!« Nachdem es bei VatiLeaks schon peinlich zuging, hat der Vatikan einen neuen Kommunikationsstrategen engagiert: Einen Amerikaner natürlich, Greg Burke. Der denkbar geeignetste Mann für den Job. Er hat zuvor für Fox News gearbeitet, das Opus Dei der Nachrichtenkanäle; und gleichzeitig für Opus Dei, das Fox News des Katholizismus. Und er hat sich offensichtlich gleich ans Werk gemacht: Die Titanic kommt auf eine Auflage von grade mal hunderttausend – wie schaffen wir es, dass hundert Millionen den Pipifex googlen?

 

Die einstweilige Verfügung war ein guter Anfang. Aber jetzt nicht stehen bleiben, Mister Burke! Wenn eine Milliarde Benedikt im besudelten Umhang sehen sollen, muss nachgelegt werden. Wie wärs denn mit Gerhard Ludwig Müller? Die Regensburger Betonmitra hat soeben die Inquisition beerbt und ist Präfekt der Glaubenskongregation geworden. Bei dem stimmen die Reflexe noch. Wenn der die »Titanic« in die Hände kriegt – der fängt an, auf dem Domplatz Holz zu stapeln. 

 

Bleibt nur die Frage, warum der Papst eigentlich so wenig Spaß an Pinkel-Pupsi-Humor findet. Er ist doch auch ein Vater. Sogar ein heiliger. Aber eben der einzige Papa, der keine Kinder hat. 

 

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