Für die junge Demokratiebewegung käme das einer Katastrophe gleich – so kurz vor der Landtagswahl noch Personal weggepfändet zu kriegen. Laut Infratest ist damit zu rechnen, dass die Piraten knapp zweistellig abschneiden; das wären im Düsseldorfer Landtag so um die zwanzig Sitze – die muss man erstmal füllen! Nicht, dass sie nicht genug Mitglieder hätten. Aber, mal ehrlich, wie viele davon kann man unbesorgt ins Parlament lassen? Die meisten sind ja Tageslicht überhaupt nicht gewöhnt. Computernerds leben wie Vampire. Wenn die die Sonne sehen, dann explodieren sie.
Die tageslichttauglichen Figuren wiederum dezimieren sich grade selber. Geschäftsführerin Weisband kollabiert bei Maybrit Illner und, als wäre das nicht schon genug, verlobt sich; und der designierte Bundesvorstand Martin Delius muss auf seine Kandidatur verzichten, weil er den durchgeknallten Geschichtsprofessor gespielt hat. Delius meinte im SPIEGEL-Interview, die Piratenpartei wachse derzeit so rasant wie die NSDAP zwischen 1928 und ’33. Da kann man nur sagen: Klingeling! Selbstverständlich ging, wie bei jedem Nazivergleich, sofort die Medienbimmel los; Henryk M. Broder war der einzige, von dem man diesmal nichts gelesen hat – aber auch nur, weil er wegen Grass noch an Sehnenscheidenentzündung leidet.
Niemand allerdings aus dem Politzirkus hat die Originalität von Delius’ Vergleich goutiert. Mal eben kurz rauszublöken, Bush sei wie Hitler, Thierse wie Göring oder Rösler wie Quax, der Bruchpilot, das kann jede historisch verbrühte Halbglatze. Aber sich hinzustellen und der größten deutschen Korinthenklitsche zu erzählen, hallo, meine Partei ist wie die Nazis vor der Machtergreifung – wer hat das in 63 Jahren Bundesrepublik gebracht? Das ist die Transparenz, die die Piraten ganz nach vorne bringt! Leute wie Sigmar Gabriel schaffen es nicht mal, sich mit den Sozialdemokraten zu vergleichen.
Klar, jemand wie ich, der die Bundespolitik seit 1949 beobachtet, muss sich bei allem Grinsen auch die Frage stellen: Was bezweckt dieser Pirat damit? Masochismus? Oder Werbung? Sie sind ja Marketing-Genies. So viele Wähler, wie die gewonnen haben, kann die FDP gar nicht verlieren. Höchstwahrscheinlich steckt eine abgefeimte PR-Aktion dahinter. Man hat es jetzt an Sarkozy wieder gesehen: Mit doofen halbrechten Parolen kommt man nicht weit. Da denkt sich der bürgerliche Neigungsnazi, wenn schon, denn schon – und wählt die echten Rechten. Aber wenn sich jemand klar zur Nachfolge der NSDAP bekennt, rrrasssant wie 28-33, welchen Fascho hälts da noch im Ohrensessel?
Der Coup wird außerdem flankiert vom Berliner Landesvorsitzenden Hartmut Semken. Der sagt, er möchte Menschen mit rassistischem Gedankengut weder verachten noch fertigmachen. So was haben die noch nie gehört. Seit Jahrzehnten vegetieren Rassisten als der Schmutzrand am Kragen der Zivilgesellschaft, werden höchstens mal von Sarrazin oder der CSU ein bisschen geherzt, und nun kommt plötzlich einer mit seiner hippen Erfolgspartei daher und will sie…schnief…nicht diskriminieren. Es werden Tränen vergossen werden; bei vielen Rechten das Beste, was sie im Kopf haben.
„Wir sind wie die Nazis, und wir haben alle lieb!“ – so fischt man erfolgreich im völkischen Sumpf! Sogar das müssen Sarkozy inzwischen Deutsche vormachen. Bleibt zu hoffen, dass die drei Festgenommenen in NRW vorher nichts von der braunen Charmeoffensive der Piraten gehört hatten. Immerhin: Sie sind aus dem Bergischen Land. Die Chance, dass sie keinen DSL-Anschluss hatten, ist riesig. Ach was! Wahrscheinlich sinds drei ganz normale Verfassungsschützer.