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Kennzeichen T - 09.03.2012

09.03.2012

Jedem Abschied wohnt ein Zausel inne ...

Jetzt mal eine sehr ernste Frage: Was um alles in der Welt tun Sie um diese Zeit am Computer, meine Damen und Herren? Sollten Sie nicht Ihren Rausch ausschlafen, vom Großen Zapfenstreich? Oder hatten Sie am Ende auch abgesagt? Nach allem, was man in den letzten Tagen gehört hat, wollte außer den Möbelpackern kaum einer hingehen. Gut, Angela Merkel kam vorbei. Deshalb musste die Polizei dann doch noch Absperrgitter aufstellen – damit sie nicht wegrennen kann.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Wenn Sie nicht dort waren, dann gehören Sie auch zu den Leuten, die keine Einladung zu Wulffs Rausschmeiße gekriegt haben – aber trotzdem nicht hingegangen sind. Das ist große Dialektik! Damit stehen Sie mit Frank-Walter Steinmeier und Joachim Gauck in einer Reihe. Absagen, obwohl man gar nicht gefragt worden ist, das kannte man bislang nur von »Wetten, dass…«. Da hab’ selbst ich mich irgendwann verpflichtet gefühlt, dem ZDF zu schreiben, dass ich Gottschalks Nachfolge nicht antreten werde.

 

Aber wenn es nach Rot-Grün und der deutschen Presse geht, könnte das ein neuer Trend werden. Mit schönen Vorteilen für beide: Die einen wären immer in den Schlagzeilen, und die anderen hätten immer etwas zu berichten, und zwar ohne die doofe Recherchiererei. Wenn man sich nur mal überlegt, woran allein Sigmar Gabriel dieses Jahr nicht teilnimmt: Weder beim 60. Thronjubiläum der Queen wird er dabei sein, noch bei der Eröffnung der Annelsbacher Apfelweintage. Selbst die Parlamentswahlen im Iran hat er geschwänzt.

 

Und wem haben wir diesen Trend zu verdanken? Ich muss mich jede Woche aufs Neue vor Christian Wulff verneigen. So einen Hype schiebt der mal eben im Vorbeigehen an. Der Mann hat einfach alles richtig gemacht. Drei Monate permanent auf den Titelseiten, eine Diskussion um die Verfassung in Gang gebracht – welcher Bundespräsident kann das von sich behaupten? Kommunikationswissenschaftler haben ausgerechnet: Um auf die gleiche Medienpräsenz wie Wulff zu kommen, müsste ein normaler Bundespräsident pro Tag elfhundert Kinderkliniken eröffnen.

 

Und dann der Glamour, den er plötzlich verbreitet. Das Wort ›Shooting Star‹ ist für Christian Wulff erfunden worden. Wer war er noch Anfang Dezember? Ein Provinzlangweiler mit Bellevue-Stipendium; aus Niedersachsen, dem pantoffeligsten aller Bundesländer. Inzwischen ist Hannover zum Leine-Palermo aufgestiegen, mit ihm als Paten: Don Wulff, auch genannt Lupo, die Schnäppchenkralle. Allein was ihm alles nicht gegönnt wird! Jeden Tag kommt etwas Neues dazu: der Ehrensold, die Sekretärin, der Fahrer, das militärische Zeremoniell – da denkt doch jeder, hey, das muss aber ein amtlicher Drecksack sein! Sexy!

 

Wobei, beim Zapfenstreich kann ichs verstehen, dass alle meinten, Wulff hätte drauf verzichten sollen. Zapfenstreich bedeutet, die Party ist vorbei. Und das kanns doch nicht sein! Wir hatten uns grade so schön eingegroovt. Wir wollen das Gegenteil von Zapfenstreich: »Ozapft is’!!!« Und Anzapfen konnte keiner so gut wie Wulff. Von mir aus hätte es noch drei Jahre so weiter gehen können. Aber nein, jetzt muss ich mir die Witze wieder selber ausdenken.

 

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