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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 04:30

    Kennzeichen T - 20.01.2012

    20.01.2012

    Hochmut kommt aus dem Phall

    Da hatten wir uns wohl zu früh gefreut. Eigentlich dachten wir, mit dem Verduften von Silvio Berlusconi sei die Zeit balzwirrer Spaghettigockel erst einmal vorbei. Man hätte ja nicht mal was dagegen, wenn das dauernde Kammschwellen nur die Bewohner des Apennin belästigen würde. Die sind kulinarisch, klimatisch, topographisch und ästhetisch schon so himmelschreiend im Vorteil, dass sie ein bisschen Angeberei lässig wegstecken. Wenn ich täglich Sonne, Giotto, Trüffelnudeln und Barbaresco hätte, könnte ich mir sogar mit Nicolas Sarkozy eine WG teilen, ohne permanent an Kastration zu denken. Von MATHIAS TRETTER

     

    Dummerweise aber bleibt der Prahlgiovanni nicht bei sich und seinen Landsfrauen. Immer wieder geraten Angehörige bescheidenerer Nationen in den Strudel seiner Renommierattacken. Bei Berlusconi wars gleich die gesamte Europäische Union, deren Krisengepatsche an seiner Dauererektion nicht vorbei kam; bis zum Schluss war ihm nicht mal klar zu machen, dass ein Rettungsschirm nichts mit einem Kondom zu tun hat.

     

    Nun hat ein weiterer Papagallo mit seiner Großfuchtelei eine ganze internationale Gemeinde in den Abgrund gerissen. Und Francesco Schettino wollte nicht mal Millionen schaufeln oder mit nordafrikanischen Schwererziehbaren Lolita nachstellen; nein, der Kreuzfahrt-Commandante kam einfach auf die hirnfreie Idee, er grüßt mal eben seinen Ex-Chef auf der Insel Giglio. Heißt es zumindest. Kurzes »Ciao, cazzo, come stai?« – zeigen, wo der Hammer schwimmt. Die Costa Concordia, mit dem großen Aufkleber am Heck: »Ladies aufgepasst – meiner ist 290 Meter lang.« Er konnte ja nicht wissen, dass Chefe nicht zuhause ist. Porca miseria!

     

    Zugegeben, keinem Mitglied der Gattung Mann ist derlei fremd. Wer von uns hätte nicht schon mal seinem Twingo den Bleifuß gegeben, wenn ein Nebenbuhler an die Ampel kam? Kerle eben. Aber mit 112 000 Tonnen unterm Hintern und viereinviertel Tausend Beifahrern – das ist eine eigene Machoklasse. Nicht zu Unrecht rätseln die Ermittler: Stand der Capitano unter Drogen – oder ist er tatsächlich nur Italiener?

     

    Wahrscheinlich keins von beidem. Die ganze Aktion war so über die Maßen sinnwidrig, dass nur eine einzige Erklärung bleibt: Francesco Schettino ist Künstler. Die Versenkung der Costa Concordia war eine Performance, irgendwo im Bedeutungsraum zwischen Olafur Eliasson und Marina Abramovic. Schettino hat eine polyvalente Metapher ins Meer gestellt, die auf mehreren Ebenen entschlüsselt werden kann. Für eine adäquate Interpretation bräuchte ich ein Semester; aber wir sind hier nicht beim Merkur, deshalb die Kurzfassung: Zunächst natürlich Kapitalismuskritik. Muss ja. Vor der italienischen Küste absaufen, das ist sonst afrikanischen Flüchtlingen vorbehalten. Schettino dagegen stürzt die Reichen ins Meer, und lässt sie nass auf einer kleinen Insel sitzen.

     

    Dann gilt das Schiff an sich als einer der ältesten Archetypen der Menschheit – und der Kapitän ist der höchste Typ auf der Arche. Sozusagen der Bundespräsident der Jolle. Damit erklären sich die wirren Ausreden Schettinos nach der Katastrophe.

     

    »Concordia« wiederum ist die »Eintracht«, »Costa Concordia« folglich: Was kostet die Eintracht? Auf dem Schiff befanden sich Gäste aus fast allen Ländern der Europäischen Union. Deren Eintracht ist in Schieflage, und droht ganz abzurutschen, wenn die Frage nach den Kosten nicht geklärt wird.

     

    Gleichzeitig blies der Dampfer soviel Dreck in die mediterrane Luft wie 50.000 PKWs. Das tut er nun, versenkt, nicht mehr. Doch jetzt droht der Treibstoff das Meer zu verhunzen – ein scheinbares Fanal für die Natur, das sich sogleich in sein Gegenteil verkehrt. Vergeblichkeit menschlichen Handelns also, und die kathartische Epiphanie: Man muss bei Katastrophen auch die negativen Seiten sehen.

     

    Schließlich der Gruß an den Ex-Chef. Und Ex-Chef in Italien – da sind wir wieder bei Silvio Berlusconi. Sein Abgang provozierte alle möglichen See-Metaphern: Der Lotse geht von Bord, der Fisch stinkt vom Kopf, die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Das alles trifft auch auf Schettino zu. Nur muss der dafür wahrscheinlich fünfzehn Jahre in den Knast. Ja, auch unter den allergrößten Aufschneidern gibt es Hierarchien. Aber zumindest vor einem Spaghettigockel sind wir vorerst sicher.

     

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