Nein, selbstverständlich war es der Geliebte Führer, der bejammert wurde; und das in einem Ausmaß – unglaublich! Ich bin in Bayern aufgewachsen, ich bin einiges gewöhnt. Aber dieses letzte Geleit, das kam an die Beerdigung von Franz Josef Strauß ran! Drei Stunden Autokorso, Zehntausende, die öffentlich heulen, laut staatlichem nordkoreanischen Radio sollen sogar die Vögel um Kim getrauert haben. Und der zynische Westen hat natürlich nichts Besseres zu tun, als die Echtheit der Flennerei zu bezweifeln: War die Trauer nur inszeniert? – als könnten Tiere sich verstellen!
Wo bleibt die Empathie? Die Nordkoreaner haben einen Mann verloren, den dort jedes Gemeindeblättchen zur Unsterblichkeit stilisiert hat – und dann schafft der noch nicht mal die Siebzig. Herzinfarkt. Was es allein für ein Schock gewesen sein muss, dass er ein Herz hatte!
Die übelste Herablassung allerdings haben wie immer unsere Kulturversteher verbreitet. Gleich wieder mit völkerkundlicher Einfühlung zur Hand: »Nordkorea – das kann man mit uns nicht vergleichen. Diese Hysterie entstammt einem völlig anderen emotionalen Haushalt.« Das ist, ohne Verlaub, Ethno-Mumpitz! Bei uns gehört es genauso wie in Pjöngjang zum Anstand, Zerknirschung zu zeigen, wenn der Erbonkel zu den Radieschen geht. Man will schließlich was abkriegen. Das war ja kein Rosenmontagszug, der da am Kumsusan-Mausoleum gestartet ist. Da lassen auch die höchsten Parteikader die Narrentröte mal schön zuhause, auch wenns innerlich längst Konfetti regnet. Außerdem sieht Kim Jong Un schon so lustig genug aus.
Vielleicht haben die Zehntausende ja auch nur seinetwegen geschluchzt. Bei einem Karnevalsumzug werden Kamellen ins Volk geschmissen. In Pjöngjang wird die Kamelle Staatspräsident. Und viele Nordkoreaner befällt da die Ahnung: Am Aschermittwoch könnte alles vorbei sein.