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Samstag, 25. März 2017 | 06:57

Kennzeichen T - 19.11.2011

18.11.2011

Die Möglichkeiten einer Insel

»A mixed bag«, so würden die lustigen Inseleuropäer, die vielleicht gerade eine ihre letzten Wochen in der EU verbringen, die jüngsten Ereignisse auf dem Krisenkontinent bezeichnen. In übersetzten Worten: Viel Unerquickliches war dabei, aber auch das eine oder andere Gurkensandwich.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Die allerbeste Nachricht für die Briten zuerst: Der Zweite Weltkrieg bleibt weiterhin gewonnen! Zwar hat es Adolf Hitler, der sich laut inoffiziellen Berichten des Secret Service momentan in einem argentinischen Steakrestaurant im Erzgebirge als Gemüsebeilage versteckt hält, zwar hat es »the Fuhrer« geschafft, einen Teil des krautschen Verfassungsschutzes auf seine Seite zu ziehen. V1 und V2 waren noch knallblöde Kanalraketen, die nichts genützt haben; die neuen V-Männer dagegen sind von ganz anderem Kaliber.

 

Sie sichern 1000 Jahre Fortbestand von Hitlers Nachfolgevereinen. Menschliche Schutzschilde für die NPD, könnte man sagen; solange die da sind, kann auch dem nazisten Neunazi keine Karlsruher Rotkutte was an die Kopfhaut flicken. Ein Wermutstropfen, natürlich; aber die Briten wissen auch: Bis sich ihr Premier David Cameron auf einer Zwickauer ›Zu-erledigen‹-Liste findet, wird noch sehr viel Wasser die Maas und die Memel runterplätschern.

 

Außerdem kommt aus Frankfurt eine zweite Meldung, die den Jubel über den Triumph in World War II noch ein wenig lauter werden lässt. Die Londoner City, Finanzzentrum Europas und der Ort, an dem ein Drittel des britischen Bruttosozialprodukts erfunden wird, hat ebenfalls einen Sieg über Herman errungen: Der erfolgreichste Kopf der deutschen Occupy-Bewegung wird sich zurückziehen. Zehn Jahre lang hat Josef Ackermann die Deutsche Bank besetzt gehalten; jetzt wird er durch einen Investmentzocker aus der City ersetzt.

 

Bislang dachte man, er würde einfach nur in den Aufsichtsrat wechseln, also vom Bock zum Gärtner – der dann den neuen Bock an der Leine führt. Ein kleiner Schritt für einen Ackermann; ein umso größerer allerdings für die Ackermannschaft. Die müsste nämlich zu einem Viertel dafür stimmen. Vom Vorstandschef direkt zum Aufsichtsratsvorsitzenden, das ist, als hätte Angela Merkel Gerhard Schröder als Richtlinienmamsell; sowas geht in Deutschland nur, wenn 25% der Aktionäre das auch wollen. Und nachdem die Großanteilseigner schon den Kopf geschüttelt haben, hätte Jupp bei den Kleinaktionären Klinken putzen müssen.

 

Man stelle sich das vor: Wie Joe ›Victory‹ Ackermann, der European Banker of the Year 2010, der Lehensherr des Kanzleramts, der berühmteste Schweizer seit Enrico Toblerone, wie dieser Master of the Universe bei Opa Koschorke in Duisburg-Meiderich klingelt, weil der noch drei Deutsche-Bank-Aktien unterm Kopfkissen hat. Wahlkampf an der Haustür – mit anderen Worten: Seniorenverschauklung in memoriam Edi Zimmermann: »Jaaa?« – »Tag, Herr Koschorke. Sie erinnern sich bestimmt an mich. Joschi Ackermann. Ich war mit ihrem Sohn in einer Klasse.« – »Nein. Was wollen Sie?« – »Er schickt mich wegen ihrer Rente. Sie habens vielleicht schon gehört: Ab 1. Januar müssen alle Rentner ihre Bezüge in Pensionärsbergwerken abarbeiten.« – »Das ist ja furchtbar!« – »Ja, schlimm, nicht? Aber Sie haben Glück, Sie haben Aktien von der Deutschen Bank?« – »Ja, und?« – »Deshalb hat mich Ihr Sohn gebeten, bei Ihnen reinzuschauen: Wenn Sie sich nämlich beeilen, übernimmt die Deutsche Bank Ihre Rente. Sie müssen nur hier unterschreiben …«

Bei aller charakterlichen Eignung, so etwas ist Herrn Ackermann nicht zuzumuten. Er hat jetzt schon ein Verfahren wegen Falschaussage am Hals. Das reicht. Es gibt schließlich auch noch andere Aufgaben, als Deutsche-Bank-Boss zu bleiben.

 

Und damit sind wir bei der schlechten Nachricht für die Briten: Silvio Berlusconi ist weg. Mit ihm verschwindet alles, was der Kontinent zu bieten hatte, um die Zustände in Buckingham Palace und den Houses of Parliament zur Harmlosigkeit zu relativieren. Wenn, dann lässt sich eine ähnlich ablenkende Skandalnudelei künftig nur noch durch Kooperation erreichen: Ackermann hat das größte Empörungspotential Deutschlands, Strauss-Kahn den höchsten Aufregungsfaktor Frankreichs. Wenn beide sich zusammentäten – der Secret Service soll schon in Verhandlungen getreten sein.

 

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es ist immer dasselbe. je wahrer etwas ist, desto durchgeknallter erscheint es dem durchschnittlichen leser. tretter, wir sehen uns in der klapse.
| von jupp, 01.12.2011

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