Doch nun kullert das Rad der Weltgeschichte in Archimedes’ Richtung: Des großen Mathematikers Ideen sollen die Griechen retten. Die frohe Kunde ist bereits in aller Munde: Ein Hebel könnte installiert werden. Laut Legende saß Angela Merkel Anfang der Woche in der Badewanne und las, wie sie es immer öfter tut, Erbauungsliteratur. Plötzlich fiel ihr das Buch aus der Hand und verdrängte etwa einen halben Liter Wasser – was für die Legende etwa die gleiche Relevanz hat, wie die letzten 20 Rettungsschirme für die Ägäis. Aber prompt fiel ihr Blick auf den Namen des Verfassers – Johann Peter Hebel. Hastdunichgesehen sprang die Kanzlerin aus der Plörre und rannte in wilder Verzückung nackig auf die Straße: »Europa! Ich habs gefunden!«
Verständlich, dass Nicolas Sarkozy da verschreckt war. Selbst für einen Franzosen ist das ein bisschen viel: »Alors, wir ’aben 440 Milliardön, dann kommt Angela und macht daraus 2 Billionön. C’est fou! So eine große ’Ebel ’abe nischt mal isch!«
Also haben sie gleich die letzte Nacht miteinander verbracht. Ja, Sarközchen zickt. Wahrscheinlich fühlt er sich wie 98% der Bundestagsabgeordneten und 120% des deutschen Volkes: Er weiß zur Hölle nicht, worum es eigentlich geht. Gestern meldeten die Agenturen, die Koalition sei bereit zu einer »Hebelung des Schirms«. Die Lesung dieser Meldung führte bei mir zu einer Knotung des Hirns. Aber damit die Bundesregierung nicht eine Ärgerung des Parlaments auslöst, soll die Treffung der Entscheidungen am besten nur von einem kleinen Sondergremium zur Machung gebracht werden. Denn neun Leute, die nichts wissen, wissen weniger nichts als 664. Also mehr. Potenziert wird die Schlagkraft dieser Neun noch dadurch, dass man ihnen so wenig wie möglich Zeit lässt. Zwei Billionen, die Rettung eines Kontinents – da reicht ein halber Tag! Wir haben also ein Volk ohne Ahnung, vertreten durch Abgeordnete ohne Wissen, reduziert auf neun ohne Zeit – und das Ganze mal genommen mit einem Franzosen ohne Willen. Man kann nur hoffen, dass die alte Polit-Weisheit zutrifft: Die Wenigerung ist die Mehrung.
Aber so geht’s eben, wenn ein Jurist wie Sarkozy auf eine Physikerin wie die Kanzlerin trifft. Leider ist das Studium von Frau Merkel nun auch schon das eine oder andere Jahrfünft her; sonst hätte sie den ganzen Archimedes noch im Kopf: »Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde die Welt aus den Angeln heben.« Welt – keine Frage. Angeln, meinetwegen. Aber einen Standpunkt hat Angela Merkel wirklich nicht.
